Die GRÜNE Sicht auf Berufsorientierung und Ausbildung: „Vollblutpolikerin“ Evelin Lemke im Interview

YOUNECT hat auch Frau Lemke, Landesvorstandssprecherin von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Rheinland-Pfalz nach ihren Erfahrungen, Ideen und Zielen bezüglich der Berufsorientierung und Ausbildungssuche befragt. Als Erste beantwortete Sie geduldig ausnahmslos all unsere Fragen – Herzlichen Dank dafür!

YOUNECT: Bitte stellen Sie sich doch kurz vor: Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Eveline Lemke: Eveline Lemke, Landesvorstandssprecherin Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Rheinland-Pfalz, seit rund 15 Jahren politisch aktiv, seit einem Jahr Vollblutpolitikerin mit dem Ziel 2011 die Grünen in den Landtag zurück zu führen. www.gruene-rlp.de Davor selbst Unternehmensberaterin.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Eveline Lemke: Ich gehöre Bündnis 90/Die Grünen an. Unsere wichtigsten Ziele sind Wirtschaft, Umwelt und soziale Gerechtigkeit zusammen zu denken und nicht gegeneinander auszuspielen. In RLP sind 150.000 Menschen arbeitslos oder in Kurzarbeit. Wir wollen durch Investitionen in soziale Gerechtigkeit, bessere Bildung, Umwelt- und Naturschutz, gute Infrastruktur für Gesundheit, Medien, Forschung und Verkehr 1 Mio. Arbeitsplätze in Deutschland schaffen. Außerdem wollen wir die Energiewende politisch herbeiführen: Kein Ausstieg aus dem Atomausstieg! Durch den Ausbau von erneuerbaren Energien Arbeitsplätze und Freiheit und Unabhängigkeit schaffen von Energiemonopolen und Ressorcensicherheit einleiten.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Eveline Lemke: Ich wollte Lehrer werden und anderen die Welt, in der so viel falsch läuft, richtig erklären. Dies in der Hoffnung, durch Einsicht und Wissen würden dann alle immer das Richtige tun…

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Eveline Lemke: Nach Abi und High-School-Abschluss in den USA habe ich erst Fremdsprachensekretärin gelernt und danach den Kaufmannsgehilfenbrief als Groß- und Außenhandelskauffrau erworben. Nach Jahren der Projektarbeit in einem Unternehmen der Recyclingbranche habe ich dann BWL und VWL mit Schwerpunkt Umweltsystemmanagement an den Unis Hannover und Hagen studiert. Dies tat ich in der Familienpause. Meine Ausbildung verlief also stringent. Als Politikerin bin ich sozusagen quer eingestiegen…. :-)

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Eveline Lemke: Zunächst war meine Herkunft ausschlaggebend. Hamburg ist traditionell durch den Hafen ein Hanse Handelsplatz. Dort lernt Frau halt ´´internationeles Handeln´´, deshalb die gute sprachliche Ausbildung und die Lehre. Außerdem wollte ich Geld verdienen und von meinen Eltern unabhängig sein. Mein Studium später habe ich selbst und mit Bafög finanziert – und später abgestottert…

YOUNECT: Wie haben Sie Ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus Ihrer Ausbildungszeit ein?

Eveline Lemke: Die Lehre hat bereichert und Bodenhaftung gegeben. Meine mündliche Prüfung befaßte sich mit einem der Produkte der Lehrfirma – PVC-Abwasser-Rohre. In die Prüfung bin ich mit einem ´´Muster´´ gegangen und stand vor lauter Prüfern, die aus dem Baugewerbe kamen. War lustig – ich bekam eine 1 und habe wohl auch durch mein weibliches Outfit überzeugt…

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Eveline Lemke: Ich empfehle jedem Jugendlichen eine Lehre oder minstestens ein soziales oder ökologisches Jahr. Arbeitsrealität lernt keiner im Hotel ´´Mama´´, das erlebt man erst draußen. Und wenn Du weißt, wie schwer Arbeiten ist, dann schätz man auch das Lernen-dürfen wieder!!!!

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Eveline Lemke: Mein Beruf als Unternehmensberaterin ist abwechslungsreich, da ich viele Leute kennen lerne. Jedoch ist die Beraterin selbst nie Teil der Lösung. Wenn eine Beraterin verschiedene Lösungswege anbietet, der Auftraggeber eine Empfehlung annimmt und im Glücksfall auch noch einige Begleitung beauftragt, ist nach einem Controlling als Erfolgskontrolle für die Projektempfehlung dann erst mal Schluss. Bei den Grünen bin ich Teil der Lösung (GRÜNE in den Landtag nach Rauswurf 2006). Das ist menschlich erfüllend!

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Eveline Lemke: Nicht alleine eine gute Ausbildung und viel Erfahrung machen den/die gute Berater/in aus. Menschliche Fähigkeiten wie ein perfektes Auftreten, Einfühlungsvermögen, Integrationskraft, Nevenstärke und der Wille sich auf Reisetätigkeit einzulassen sind wichtige Voraussetzungen. Nur gestandene Persönlichkeiten werden richtig gut, egal was sie tun. Ich habe schon viele Flachpfeifen erlebt, aber die bestehen auch nicht…

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Eveline Lemke: Es gibt auch schlechte Berater, denen nachgesagt wird, als Blutsauger aufzutreten. Den Guten vom Schlechten zu unterscheiden ist manchmal schwierig, das erfordert Fach- und Menschenkenntnis. Deshalb: Auch Berater müssen Bonität und Vita nachweisen und authentisch rüber kommen. Das sollte jeder Auftraggeber beherzigen.

YOUNECT: Natürlich möchten wir auch etwas über Ihre politischen Ziele und Pläne erfahren.

Da YOUNECT Jugendlichen Berufsorientierung bietet, sie bei ihrer Berufswahl unterstützt und in Ausbildungsverhältnisse vermittelt, interessiert uns natürlich Ihre Einstellung zum Thema „Berufsorientierung und Ausbildung“. Im Rahmen der aktuellen Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die berufliche Ausbildung wurden Experten der beruflichen Bildung aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen befragt. Mehr als die Hälfte der Experten teilt die Auffassung, dass es zukünftig zu einer stärkeren Diversifizierung der Ausbildungslandschaft in Deutschland kommen wird. Die Ursache sehen die Experten in der zunehmenden Modularisierung und der steigenden Konkurrenz mit den Hochschulen sowie in der Zunahme betriebspraktischer Anteile in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen.

Aus unserer Sicht wird dadurch auch zukünftig ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot für Schüler und Schulabgänger unbedingt nötig sein. Was denken Sie darüber? Wer sollte diese Aufgaben wahrnehmen? Und wa shalten Sie von der Online-Plattform YOUNECT, die Jugendlichen eben diese Hilfestellung geben möchte?

Eveline Lemke: Elternhaus, Schule, Arbeitsagenturen – sie alle sind verantwortlich! Als Politikerin kämpfe ich dafür, dass Eltern mehr Zeit für ihre Jugendlichen haben, um sie gut zu beraten. Ich kämpfe für mehr Lehrer und kleinere Klassen, denn Berufsfindungsprozesse beginnen bei Kindern und Jugendlichen mit dem Entdecken der eigenen Fähigkeiten. Praktia dürfen nicht zur Ausnutzung von Jugendlichen dienen. Wir Grüne zahlen unseren Praktikanten mindestens 300 Euro im Monat. Alle Betriebe sollten Ausbildungsplätze anbieten und wir brauchen einen 2. Bildungsmarkt. YOUNECT finde ich gut – ich wünsche dem Projekt Erfolg!

YOUNECT: Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftige  bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Eveline Lemke: Schon jetzt gibt es in den Realschulen in RLP Wahlpflichtfächer und Berufspraktika, mit denen auf die Berufsorientierung hingewirkt wird. Das ist alles nicht ausreichen. Dafür wird mehr Geld für die Schulen benötigt. Wenn am Nürburgring 1 Berater für 4 Arbeitsplätze bezahlt wurde (im Durchschnitt!) dann wünsche ich mir ein solches Lehrer/Schüler-Verhältnis und wir bräuchten uns nicht über extra Schulfächer unterhalten!

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder statt dessen) geben? Kennen Sie Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Eveline Lemke: Ja klar, neben vielen Betrieben, die eine exzellente Jugendarbeit betreiben, wie auch die Fuhrländer AG oder Juwi in Wörrstadt. Die Kammern machen auch gute Arbeit und ein Projekt im Westerwald wurde 2007 ausgezeichnet: www.azubi-check.de Da wird denen geholfen, die nicht gleich jeden Einstellungstest bestehen…

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel.

Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK, Hans H. Driftmann, sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge. (siehe FOCUS-Artikel vom 30.07.2009)

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzen konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Eveline Lemke: z. Z. nicht, habe aber gehört, dass die Kammern noch vermitteln…

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Eveline Lemke: Bessere Berufsorientierung durch mehr Geld in Bildung! Schaffung von Ausbildungsplätzen durch 2. Ausbildungsmarkt!

YOUNECT: Vielen Dank Frau Lemke. Wir wünschen Ihnen für Ihre berufliche wie auch private Zukunft alles erdenklich Gute und gratulieren zu den Erfolgen ihrer Partei bei den Landtagswahlen am vergangenen Wochenende. Auch für die anstehenden Bundestagswahlen am 27. September 2009 wünschen wir Ihnen viel Kraft und Durchhaltevermögen.