DIE ZUKUNFT DER ARBEIT von Lilian Franck zur Passung in die Arbeitswelt von 1997

Mit diesem Text zur Zukunft der Arbeit gewann Lilian Franck 1997 den Hauptpreis des künstlerisch-kreativen Wettbewerbs „Zukunftsarbeit“ von Young-Life-Berlin e.V. – von mir veranstaltet – und 1999 den Wettbewerb der Jusos Berlin zu demselben Thema.

Heute hat sie ihren Platz in der Welt gefunden und leitet ihre eigene Filmfirma OVAL FILMEMACHER http://www.oval-film.com/ueberuns/bio.htm

Der neue dokumentarische Kinofilm von Lilian Franck und Robert Cibis „Pianomania“ www.pianomania.de hat gerade auf dem Locarno Film Festival seine internationale Premiere.

DIE ZUKUNFT DER ARBEIT

„Junge Frau, sie passen in die Welt, aber nicht in diese.“ sagte neulich ein Mann zu mir an der Aldikasse.
So mache ich mich auf den Weg, die Welt zu suchen, in die ich passe. Gleich einem Puzzleteil auf der Suche nach dem Bild, in dem sich seine leere Stelle befindet. Die Vorraussetzung für mich ist also eine „Stelle“, ein Arbeitsplatz.
Wer lässt mir in Zukunft Platz zu arbeiten?
Unterwegs zu meinem ersten Versuch ruft ein Imbissbudenbesitzer zwei Mädchen zu, sie wären zu schön um soviel zu arbeiten. „Wir arbeiten doch auch nur acht Stunden, wie alle anderen auch.“ lautet die Antwort. Schon wieder fühle ich mich ertappt und beschleunige meinen Schritt um die Welt zu wechseln.

Station 1 – Das Privatfernsehen

Ich sitze in einem ganz blauen, leeren Raum, um mich herum kreist wie von Geisterhand bewegt eine Kamera und ab und zu tönt eine Stimme durch das digitale Studio.

Stimme: Wie lange waren sie also arbeitslos?
Ich: Naja, arbeitslos, ich hab ja auch gearbeitet, …äh an mir! Ich hab mich mit vielen Dingen auseinandergesetzt, ehrlich. Das brauchte ich, damit sich meine Persönlichkeit entfalten konnte.
Stimme: Schon mal was von Beschäftigungstherapie gehört?
Ich: Deswegen bin ich hier.
Stimme: Aber sie glauben doch nicht im Ernst, dass sie nach der langen Pause jetzt so einfach von uns eine Chance kriegen, sie sind doch total draußen aus der Arbeitswelt. Wir sind ja schließlich kein Humanitäres Hilfswerk!

Die Meinung von denen habe ich verstanden: lieber Elektroschock als Therapie. Das ist nicht meine Welt.

Station 2 – Humanitäres Hilfswerk

Nach verzweifelten Suchaktionen lande ich immer wieder nur bei irgendwelchen humanistischen Vereinen oder sektenähnlichen Verbänden, die mich trösten wollen, anstatt mir eine Arbeit zu verschaffen. Ich will mich aber nicht trösten lassen. Ich will ganz viel leiden, mein Leid soll mich zwingen ungeahnte Energien für die Arbeitssuche zu mobilisieren.

Station 3 – Casting Agentur

Vor Leid schon ganz ausgemergelt lande ich bei der Casting Agentur. Im Moment wäre ich geeignet für Rollen wie „Der Witwer“ oder „Der Pechvogel“. Am nächsten Tag nach dem Bewerbungsgespräch klingelt das Telefon. Es wird mir gratuliert, ich soll in die Kartei aufgenommen werden. Aufgrund dieses ungewohnten Erfolgserlebnisses springe ich an die Decke. Die nächste Aussage der Telefonstimme holt mich wieder herunter.

Telefonstimme: Um sie überhaupt vermitteln zu können brauchen wir jetzt natürlich erst mal Qualitätsphotos von Ihnen, die wir selbst herstellen müssen. Wir können Ihnen da einen Sonderpreis von 1200 DM machen.

Die Eintrittskarte in diese Welt kann ich mir einfach nicht leisten.

Station 4 – Computer Rechenzentrum

Ach wie sehne ich mich nach meiner Jugend, als ich noch auf dem Dorf lebte und Bauer Josi mir über unseren Zaun zurief: „Wollt ihr Kirschen? Dann pack mit an!“ Inzwischen ist halt alles komplizierter. Dafür lebe ich jetzt in Berlin, am Puls der Zeit. So nehme ich einen letzten Anlauf, eine zeitgemäße Intensiv – Computerschulung. Blöderweise kommt direkt nach dem Kursende schon wieder ein neues Computersystem raus, wofür mir das Wissen über das alte gar nichts mehr nutzt. Leider ist aber die Vorraussetzung für eine Einstellung auf dem aktuellsten Wissensstand in diesem Gebiet zu sein. Ich kümmere mich jetzt erstmal um meinen emotionalen Zustand und fahre raus aus Berlin.

Station 5 – Bauer Josi

Ich finde Bauer Josi nicht auf dem Feld, sondern beim Kirschwasser in seiner Stammkneipe. Die Maschinen würden wohl die meiste Arbeit machen.

Ich muss jedenfalls sowieso erstmal wieder an mir selbst arbeiten. Denn mit meiner depressiven Stimmung finde ich sowieso keine Arbeit mehr. Da muss ich erstmal rauskommen. Mir passt die Welt nicht, auch keine andere.