Angelika Graf, SPD, im Gespräch mit YOUNECT

In unserer Reihe „Aus der Politik“ geht es nun weiter mit den Antworten von Frau Graf, Bundestagsabgeordnete der SPD. Lesen Sie im folgenden Artikel ihr Antworten auf bildungspolitische Fragen:

YOUNECT: Bitte stellen Sie sich doch kurz vor: Wie heißen Sie? Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Angelika Graf: Mein Name ist Angelika Graf. Ich bin seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages für die SPD in Rosenheim und kandidiere auch für den kommenden Bundestag, der am 27. September 2009 gewählt wird. In meiner Zeit als Abgeordnete habe ich schon verschiedene Positionen bekleidet; zurzeit bin ich für die SPD-Bundestagsfraktion stellvertretende Sprecherin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe und stellvertretende Sprecherin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Darüber hinaus bin ich Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft 60 plus in Bayern. Das ist die seniorenpolitische Vereinigung der SPD.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Angelika Graf: Ich habe es schon erwähnt; ich bin Mitglied der SPD und das nun schon seit 32 Jahren! Mit der SPD kämpfe ich für mehr soziale Gerechtigkeit für Jung und Alt: Dafür dass sich Arbeit lohnt und Perspektiven schafft; dafür dass Junge, Alte, Familien und Menschen mit Behinderungen mit Zuversicht und Sicherheit ihr Leben führen können. Für den Erhalt und den Schutz der Umwelt. Für die Achtung der Menschenrechte weltweit. Es gibt so vieles wofür es sich einzusetzen lohnt!

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Angelika Graf: Ich wollte Ärztin werden, weil man damit vielen Menschen helfen kann.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Angelika Graf: Ich habe nach dem Abitur in München ein Studium der Physik und Mathematik begonnen.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Angelika Graf: Der Umgang mit Zahlen und naturwissenschaftlichen Zusammenhängen hat mir schon immer große Freude bereitet. Physik und Mathematik boten dafür eine gute Basis. Architektur hätte ich mir auch sehr gut vorstellen können, aber hier gab es Widerstand in meiner Familie.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Angelika Graf: Dieses Studienfach war für Frauen damals leider sehr ungewöhnlich. Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass es an der Technischen Universität München keine Damentoiletten gab und die Fakultätsleitung sträubte sich dagegen, diese einzurichten … Dies mag nur eine Nebensächlichkeit sein, aber ein gutes Beispiel. Frauen die Mathematik und Physik studieren, hielten sie wohl nur für eine kurzweilige Unannehmlichkeit …Das hat sich ja zum Glück nicht bestätigt. Damals hat mich diese Ungerechtigkeit noch weiter politisiert und einige Zeit später habe mich entschieden in die SPD einzutreten, um für mehr Chancengleichheit und Wahlfreiheiten aller Menschen einzutreten.

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Angelika Graf: Ich würde heute entweder meinen Kindheitstraum das Medizin- oder das Architekturstudium aufnehmen. Aber auch Psychologie wäre wahnsinnig spannend. Auf jeden Fall wäre alles sehr hilfreich für den Politikerberuf.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Angelika Graf: Gut ist, dass jeder Tag unglaublich viel Neues bringen kann und man sehr unterschiedliche Dinge tut. Vor allem kann ich tatsächlich vielen Menschen helfen, die sich mit den unterschiedlichsten Problemen jeden Tag an mich wenden. Leid tut mir, wenn ich auch einmal nicht helfen kann. Es stört mich, dass ich durch meinen ausgefüllten Terminkalender nur sehr wenig Zeit für Familie und Freunde habe.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Angelika Graf: Empfehlen würde ich meinen Beruf allen, die ihre Zukunft gestalten wollen! Dazu brauchen sie viel Geduld und Hartnäckigkeit.

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Angelika Graf: Ein Vorurteil ist, das Politiker faul seien und nur den eigenen Vorteil im Kopf haben. Und natürlich gibt es – wie überall – solche und solche. Aber in der Regel arbeitet ein Abgeordneter 65 – 80 Stunden in der Woche. Das ist doch alles andere als Faulheit!

YOUNECT: Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Angelika Graf: Die Berufslandschaft ist sehr unübersichtlich geworden und heute lernt man nicht mehr einfach den Beruf der Eltern. Weil die Wahl des Berufes aber so wichtig ist, ist umfassende Beratung nötig. Damit Jugendliche entsprechend ihrer Neigungen und Fähigkeiten, als auch im Hinblick auf ihre Absicherung gut informiert wählen können. Die Schule ist dafür ein guter Ort. Aber nicht nur Gymnasien, sondern auch alle anderen Schularten sollten davon profitieren. Allerdings denke ich, dass Berufsorientierung nicht nur von der Schule angeboten werden sollte, solch eine Plattform wie YOUNECT sollte nicht fehlen!

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Angelika Graf: Berufsberatungszentren, Jobzentren und lokalspezifische Träger bieten meist gute Angebote zur Berufsorientierung. Hilfreich sind auch Praktika. Wäre ich noch mal in der Situation mir einen Beruf wählen zu müssen, ich würde verschiedene Beratungseinrichtungen besuchen, Qualifizierungstests machen u.s.w. Die Ergebnisse würde ich sammeln und mich dann mit guten Freunden und meinen Eltern beraten. Ich würde dies alles rechtzeitig machen, dass heißt, bevor die 10te, 12te bzw. 13te Klasse zu Ende ist. Ich würde versuchen Praktika in den Bereichen machen, die mir am Besten gefallen und in der Bewerbungsphase, würde ich versuchen mich nicht nur auf einen Job festzulegen, sondern offen für meine persönliche „TOP five“ zu sein.

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge.

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Angelika Graf: Sicherlich gibt es Ausbildungsbetriebe, die ihre Stellen nicht besetzen können. Auf der anderen Seite gibt es aber genauso Jugendliche, die die Schule ohne Abschluss verlassen und/oder keine Lehrstelle finden. An beiden Situationen müssen wir was ändern! Unser Ziel ist es, dass jede/jeder einen Beruf erlernen kann, denn dies ist in Deutschland nach wie vor die wichtigste Grundlage für den Berufseinstieg. Die SPD will den Übergang von Schule zu Arbeitsleben neu Ordnen, so dass Desorientierung, Wartezeiten und Unsicherheiten reduziert werden. Das soll bereits in der Schulzeit beginnen! Dafür brauchen wir ein gutes Berufseinsteiger- und Ausbildungsberatungsangebot. Wir müssen den Ausbildungspakt weiterentwickeln und die Ausbildungsplatz-Verpflichtungen der Wirtschaft weiter erhöhen. Mit dem Ausbildungsplatzbonus können wir auch denen helfen, die schon länger auf der Suche nach einer Lehrstelle sind. Wir wollen zum Beispiel auch eine Berufsausbildungsgarantie für alle, die älter als 20 Jahre sind und keinen Berufsabschluss oder Abitur haben. Diese Jugendlichen sollen in außerbetrieblichen Ausbildungsangeboten die Chance bekommen sich dort in Berufen, die aktuell nachgefragt werden, zu qualifizieren. Zudem wollen wir jungen Menschen, die ohne Berufsausbildung arbeiten, die Möglichkeit geben, in ihrem Betrieb ohne Einkommensverlust ihre Ausbildung nachzuholen.

Es ist schon skurril, wenn wir nicht aufpassen, werden wir in ein paar Jahren über Fachkräftemangel und hohe Arbeitslosenzahlen zugleich sprechen. Ich denke, dass wir die Entwicklung noch gut steuern können. Die Maßnahmen aus dem Deutschland-Plan der SPD halte ich dafür, für sehr gut geeignet.

YOUNECT: Vielen Dank für das Interview, Frau Graf.Für ihre persönliche sowie berufliche Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute, vor allem KRaft und Durchhaltevermögen bei den Vorbereitungen zum 27. September 2009.