Berufswunsch Koch – Karriere als Politiker: Harald Leibrecht, Bundestagsabgeordneter der FDP im Interview mit YOUNECT

In diesem Artikel in unsere Reihe „Aus der Politik“ stellt sich Harald Leibrecht, Sprecher der FDP-Fraktion für die Angelegenheiten der Vereinten Nationen sowie Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, vor:

YOUNECT: Bitte stellen Sie sich doch kurz vor: Wie heißen Sie? Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Harald Leibrecht: Mein Name ist Harald Leibrecht. Ich bin Unternehmer und seit Oktober 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages. Als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und Sprecher der FDP-Fraktion für die Angelegenheiten der Vereinten Nationen sowie Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik setze ich mich vor allem mit Themen der internationalen Politik auseinander. Ich vertrete den Wahlkreis Neckar-Zaber und bin Vorsitzender der baden-württembergischen Landesgruppe der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. Ich lebe privat in Ingersheim im Kreis Ludwigsburg (Baden-Württemberg), bin verheiratet und habe vier Kinder.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Harald Leibrecht: Seit 25 Jahren bin ich Mitglied der FDP. Wichtigstes Ziel der FDP ist, dass die Mitte wieder gestärkt wird. Die Mittelschicht ist das Bindeglied unserer Gesellschaft. Sie baut Brücken, sie ermöglicht Einstieg und Aufstieg. Dazu setzt sich die FDP für eine spürbare Entlastung der Mitte ein. Die FDP steht für faire Steuersätze und eine grundlegende Vereinfachung des Steuerrechts. Das schafft den dringend benötigten finanziellen Spielraum für Bürger und Unternehmen: Für mehr privaten Konsum, für Vorsorge für Alter, Gesundheit und Pflege, als Impuls für Wachstum und Investitionen. Die FDP will, dass sich Arbeit wieder lohnt, Bildung wieder Bürgerrecht wird, Freiheit gestärkt wird und Bürgerrechte wieder geschützt werden. Leistungsgerechtigkeit, Weltoffenheit und Toleranz, dafür stehen wir Liberalen.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Harald Leibrecht: Als Kind hatte ich viele Berufswünsche. Ich fand alles toll, was mit Technik zu tun hatte. Als Jugendlicher wollte ich einmal Koch werden. Wir hatten damals schon Hotels in unserem Familienunternehmen und ich habe während den Ferien dort ab und zu geholfen. Das war eine gute Erfahrung, die jedoch darin mündete, dass ich nicht mehr Koch werden wollte.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Harald Leibrecht: Ich habe internationale Betriebswirtschaft in Frankreich, England und USA studiert und mit dem Master of Business (MBA-USA) abgeschlossen. Schon kurz nach meinem Studium bin ich dann im eigenen Familienunternehmen, das in erster Linie private Bildungseinrichtungen in Europa und den USA betreibt, eingestiegen. Später wurde ich dort Geschäftsführer für den Bereich Finanzen.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Harald Leibrecht: Meine Familie und unser Unternehmen sind sehr international ausgerichtet. Schon als Kind und Jugendlicher hatten wir zuhause häufig Besucher aus der ganzen Welt. Meine Eltern ermöglichten mir schon als junger Mensch Reisen ins Ausland, vor allem in die USA. Die Erfahrungen waren die Grundlage für meine Entscheidung, internationale Betriebswirtschaft zu studieren – eine Entscheidung, die ich bis heute nicht bereut habe.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Harald Leibrecht: Während meines Studiums habe ich Mitstudenten aus der ganzen Welt kennengelernt – insbesondere Menschen aus Entwicklungsländern. Viele diese Kommilitonen hatten Hunger, Armut und Krieg erlebt. Für mich, der ich in Frieden und Freiheit aufgewachsen war und es mir immer gut ging, war dies eine erschütternde Erfahrung. Dieser Zeit weckte in mir das große Interesse für Politik, insbesondere für die Außenpolitik.

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Harald Leibrecht: Ich würde ohne zu zögern den gleichen akademischen und beruflichen Weg einschlagen.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Harald Leibrecht: Als Geschäftsführer unseres mittelständischen Familienunternehmens trage ich wesentlich zur Entwicklung des Betriebs bei. Ich kann und muss Entscheidungen treffen, die den weiteren Weg der Firma bestimmen. Dabei geht es darum, die Kolleginnen und Kollegen mitzunehmen und sie zu motivieren. Was mich stört ist, dass man auch ab und zu unpopuläre Entscheidungen, wie zum Beispiel notwendige Einsparungen oder eine Entlassung treffen muss.

Als Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss habe ich weltweit mit interessanten Menschen zu tun. Auch wenn mich die Arbeit oftmals in weniger attraktive Region bringt, so ist die Tätigkeit immer hoch interessant. Als Politiker muss ich kritikfähig sein und ein dickes Fell haben. Was mich aber immer wieder stört oder ärgert, sind ungerechtfertigte verbale Angriffe des politischen Gegners oder gar von Menschen, die ich gar nicht kenne.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Harald Leibrecht: Meine Kinder interessieren sich sowohl für Politik wie auch für meine Arbeit im eigenen Betrieb. Wenn einer der Kinder sich für einen dieser Berufe entscheiden würden, würde ich sie darin bestärken und unterstützen.

Durch meine politische Arbeit bei der FDP kenne ich viele junge Menschen, die sich für Politik interessieren oder bereits bei den Jungen Liberalen mitmachen. Diese jungen Leute gilt es zu motivieren.

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Harald Leibrecht: Der Berufstand des Politikers gehört nicht zu den best angesehenen im Land. Immer wieder hört man von Pauschalverunglimpfungen wie etwa Politiker seien faul und sagen nicht die Wahrheit. Auch wenn es bei den Politikern, wie in jedem Beruf, schwarze Schafe gibt, so setzen sich die meisten Politiker tatkräftig im Parlament und im Wahlkreis für ihre Mitmenschen ein. Für mich persönlich kann ich proklamieren, dass ich ein ehrlicher Mensch bin und niemanden etwas vormache. Ehrlichkeit ist eine wichtige Grundlage für alle Berufe, auch für den Politiker.

YOUNECT: Natürlich möchten wir auch etwas über Ihre politischen Ziele und Pläne erfahren. Da YOUNECT Jugendlichen Berufsorientierung bietet, sie bei ihrer Berufswahl unterstützt und in Ausbildungsverhältnisse vermittelt, interessiert uns natürlich Ihre Einstellung zum Thema „Berufsorientierung und Ausbildung“. Im Rahmen der aktuellen Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die berufliche Ausbildung wurden Experten der beruflichen Bildung aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen befragt. Mehr als die Hälfte der Experten teilt die Auffassung, dass es zukünftig zu einer stärkeren Diversifizierung der Ausbildungslandschaft in Deutschland kommen wird. Die Ursache sehen die Experten in der zunehmenden Modularisierung und der steigenden Konkurrenz mit den Hochschulen sowie in der Zunahme betriebspraktischer Anteile in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen.

Aus unserer Sicht wird dadurch auch zukünftig ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot für Schüler und Schulabgänger unbedingt nötig sein. Was denken Sie darüber? Wer sollte diese Aufgaben wahrnehmen? Und was halten Sie von der Online-Plattform YOUNECT, die Jugendlichen eben diese Hilfestellungen geben möchte?

Harald Leibrecht: Leider müssen wir bei vielen Jugendlichen, nicht zuletzt aufgrund der dynamischen gesellschaftlichen Entwicklung und der Diversifizierung der Tätigkeitsfelder, eine wachsende Orientierungslosigkeit mit Blick auf die Wahl der Ausbildung oder des Studienfaches feststellen. Um gravierenden Fehlentscheidungen vorzubeugen und jungen Menschen die Wahl einer Ausbildung oder eines Studiums zu erleichtern, welche der Persönlichkeitsstruktur und den jeweiligen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, bedürfen wir einer Stärkung der Praxisorientierung im Unterrichtskontext als auch einer Qualifizierung der Laufbahn- und Berufsberatung.

Die FDP teilt die Auffassung von YOUNECT, dass es erhebliche Defizite im Bereich der Ausbildungs- und Studienberatung zu beheben gilt. Neben der Qualifizierung von Lehrkräften im Verlauf der Lehreraus- und Fortbildung bedürfen wir einer Stärkung des erweiterten Informations- und Beratungsangebots in Zusammenwirkung der Kultusbehörden, der Bundesagentur für Arbeit, IHK und Handwerkskammern, Hochschulen, Studentenwerken sowie staatlichen und freien Trägern im Bereich der Berufsberatung.

Ich halte die Online-Plattform YOUNECT für sehr gelungen und für einen guten Beitrag zur Stärkung des Informationsangebots für Jugendliche.

YOUNECT: Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Harald Leibrecht: Grundsätzlich halte ich die Integration der Berufsorientierung in den Lehrplan für wünschenswert. Es sollte jedoch überprüft werden, ob und inwiefern eine verstärkte und kontinuierliche Einbeziehung der Berufsorientierung im Rahmen des bestehenden Fächerkanons geeigneter wäre, einen Eindruck über potenzielle Berufe zu vermitteln, als dies durch eine Beschränkung der Thematik auf ein einzelnes Fach möglich ist. Eine langfristige, differenzierte Praxis- und Berufsorientierung böte den Vorteil, dass sich Schülerinnen und Schüler sehr viel früher, spezifischer und nachhaltiger mit der Frage der Berufswahl auseinandersetzen könnten.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Harald Leibrecht: Es gibt eine Vielzahl an Trägern, welche Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Angeboten bei der Berufsorientierung unterstützen. Diese Vielfalt bietet Jugendlichen die Chance, sehr spezifische Informationen erlangen zu können. Damit es aufgrund der Heterogenität der Angebote nicht zu einer Überforderung der Jugendlichen kommt wäre es sinnvoll, die Angebotspalette nach Zielsetzung zu systematisieren und für junge Menschen handhabbar aufzubereiten.

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK, Hans H. Driftmann, sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge.

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Harald Leibrecht: Ja, es ist mir durchaus bekannt, dass Ausbildungsbetriebe keine geeigneten Bewerber für vakante Ausbildungsplätze finden können. Gerade aufgrund der demografischen Entwicklung der Schulabgängerzahlen ist es zunehmend problematisch, Bewerber für unbesetzte Stellen zu finden. In der Regel ist es ratsam, Kontakt zu den jeweiligen Personalstellen oder der oder dem Firmeninhaber aufzunehmen.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Harald Leibrecht: Im Jahr 2009 verließen demografiebedingt fast 40.000 weniger Schulabgänger als im Vorjahreszeitraum die Schulen und dieser Trend wird sich unweigerlich fortsetzen.

Angesichts des demografischen Wandels, der gestiegenen Ansprüche und Erfordernisse einer Wissensgesellschaft, welche sich auch auf den Bereich der beruflichen Bildung auswirken, ist es eine gesellschaftliche Verpflichtung und Notwendigkeit dafür zu sorgen, dass unser Nachwuchs bestmöglich gefördert wird. Denn wir können es uns nicht leisten, dass Jugendliche mangels Ausbildungsreife am Zugang zum Berufsbildungssystem scheitern.

Gerade deswegen müssen wir sicherstellen, dass insbesondere Schulen, die traditionell den Brückenschlag zum System der beruflichen Bildung bilden, bessere Förderbedingungen erhalten und eine sehr starke Berufsorientierung zum Regelfall wird. Betriebserkundungen, Praktika und Bewerbertraining müssen ebenso eine Rolle spielen wie die Ausrichtung der Lehrinhalte und Themen, die die Bedeutung der Wirtschaft und Technik in den Mittelpunkt rücken. Das duale Ausbildungssystem hat sich in Deutschland seit Jahrzehnten bewährt. Eine der wichtigsten Stärken besteht in der Verankerung der beruflichen Ausbildung in den Betrieben. Hier ist ein enges Zusammenwirken von Schule und Betrieben notwendig. Die berufliche Weiterbildung als lebensbegleitendes Lernen ist eine starke Säule des Bildungssystems. Förderangebote für Schulabgänger im Übergang in eine berufliche Ausbildung müssen in enger Abstimmung mit dem Berufsausbildungssystem erfolgen. Ziel dieser Fördermaßnahmen muss die Einmündung in eine berufliche Ausbildung sein. Ausbildungsgänge müssen flexibler und modular aufgebaut werden. Jugendliche mit mangelnder Ausbildungsreife müssen die Möglichkeit haben, sich durch den Abschluss von zertifizierten Ausbildungsmodulen nachträglich zu qualifizieren.

Zudem setzt sich die FDP dafür ein, dass das Angebot im Bereich der Berufs-, Laufbahn- und Finanzierungsberatung gestärkt wird. Hier müssen Bund, Länder, BA, Studentenwerke und Träger der Berufsberatung zusammenwirken.

YOUNECT: Für die vielen ausführlichen Antworten möchten wir uns bei Ihnen bedanken und Ihnen für die Zukunft alles Gute wünschen!