Der Duft frischer Brötchen überzeugte sie Bäckerin zu werden: Monika Lazar (DIE GRÜNEN) im Interview

In diesem Blog-Artikel möchte ich Ihnen unser Interview mit Frau Lazar vorstellen. Sie ist seit 2005 sächsische Bundestagsabgeordnete und vertritt die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Petitionsausschuss. Außerdem ist sie Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus. Auch sie nahm sich die Zeit unsere vielen Fragen ausführlich zu beantworten.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Monika Lazar: Ich bin seit 1993 Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Unser Plan für den Weg aus der Krise ist es, Ökologie mit Ökonomie zu verbinden. Umweltschutz und Wirtschaftswachstum müssen endlich zusammen gedacht werden. Statt auf Steuerverschwendungen wie die Abwrackprämie, setzen wir auf nachhaltige Investitionen. Zum Beispiel in erneuerbare Energien statt Atomkraft und kostenlose Bildung für alle statt Elitenförderung.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/ Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Monika Lazar: Der Duft frisch gebackener Brötchen hat mich schon als Kind fasziniert. Ich liebte es, in der Bäckerei meiner Eltern zu spielen und konnte es kaum erwarten, richtig mit anzupacken. Durch die Bäckerei lernte ich ständig neue Menschen und ihre Sorgen und Wünsche kennen.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Monika Lazar: Ich bin tatsächlich Bäckerin geworden. Diesen Beruf habe ich in einer klassischen Berufsausbildung in der Bäckerei meiner Eltern gelernt. Im Anschluss absolvierte ich noch eine Aufbauqualifikation zur Betriebswirtin. In meiner Freizeit engagierte ich mich immer schon politisch. Ich wollte den Menschen meiner Region eine Stimme geben. Nach der friedlichen Revolution in der DDR war das endlich möglich und ich fand bei den Grünen meine politische Heimat.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Monika Lazar: Zum einen wollte ich meine Eltern unterstützen und den Familienbetrieb aufrechterhalten. Zum anderen machte mir die Arbeit dort schon immer großen Spaß.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Monika Lazar: Die Ausbildung war eine schöne Zeit. Auch wenn es natürlich nicht immer leicht war, dass die Eltern gleichzeitig auch Ausbilder waren.

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Monika Lazar: Ich habe die Zeit als Bäckerin sehr genossen und kann mir gut vorstellen, nach meiner Zeit als Bundestagsabgeordnete in diesen Beruf zurückzukehren.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Monika Lazar: Wenn Menschen Morgen für Morgen in der Backstube stehen und ihre Brötchen holen, dann bekommt man viel mit von den kleinen und großen Sorgen. Das ist sehr interessant. Nicht so schön war das sehr frühe Aufstehen. Für mich war meist um drei Uhr die Nacht vorbei.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Monika Lazar: Wer sich vor frühem Arbeitsbeginn nicht scheut und Interesse am Umgang mit Lebensmitteln und Menschen hat, der ist im Bäckerberuf gut aufgehoben.

YOUNECT: Natürlich wollen wir auch etwas über ihre politischen Ziele erfahren. Da uns von YOUNECT vor allem Ihre Meinung zu Themen wie Berufsorientierung und Ausbildung interessiert, bezihen sich die folgenden Fragen vordergründig darauf.

Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Monika Lazar: Die neben den Pflichtfächern angesetzten zwei Seminarkurse für Wissenschaftspropädeutik und für Berufs- und Studienorientierung halte ich im Grundsatz für richtig. Allerdings ist noch unklar, welche Konzepte an den einzelnen Schulen umgesetzt werden sollen. Die diesbezüglichen Ankündigungen der bayrischen Landesregierung stellen mich noch nicht zufrieden.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Monika Lazar: Ich halte eine Stärkung der Berufsorientierung für notwendig und sinnvoll. Die sollte sowohl in der Jugendsozialarbeit stattfinden als auch in der gebundenen Ganztagsschule, in der alle Kinder und Jugendlichen mindestens bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen und dabei individuell gefördert werden. Dort setzen wir Grünen auf fächerübergreifenden Unterricht, Teams aus LehrerInnen, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen, die gemeinsam für die SchülerInnen zuständig sind. Dabei ist dann auch mehr Raum als bisher für regelmäßige Kontakte und Projekte mit der regionalen Wirtschaft und eine qualifizierte Unterstützung bei der Berufsorientierung durch das gemischt-qualifizierte Schulteam. Ein besonders gelungenes Projekt ist „KUMULUS – Bildungsberatung und Ausbildungsstellenvermittlung für Jugendliche mit Migrationshintergrund“ in Berlin.

YOUNECT: Ist Ihnen das Problem des aktuellen und zukünftigen Bewerbermangels auf dem Ausbildungsmarkt bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in dem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Monika Lazar: Das Problem ist mir bekannt. Allerdings bedeutet diese zukünftige Entwicklung nicht, dass die SchulabgängerInnen dieses Jahres auf später vertröstet werden können. Für diese Jugendlichen müssen jetzt qualifizierende Angebote gemacht werden. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für August 2009 zeigen, dass zwar die Zahl der Suchenden sinkt, aber noch immer eine große Lücke im Angebot besteht: Fast 100.000 suchende Jugendliche können sich derzeit auf gerade 65.000 angebotene Ausbildungsplätze bewerben. Für knapp 35.000 Jugendliche gibt es also im August 2009 noch nicht einmal rechnerisch einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Wenn sie jetzt kein Angebot bekommen, wird es mit der Zeit immer schwieriger werden, sie wieder in den Qualifizierungs- und später in den Arbeitsprozess zu integrieren. Die Frage nach den Ansprechpartnern in den Betrieben können Ihnen nur die regionalen Kammern beantworten. Mit den Verantwortlichen können Sie dann sowohl die derzeitige Lücke wie auch den absehbaren Mangel besprechen.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Monika Lazar: Wir Grüne haben in unserem Modell DualPlus vorgeschlagen, Betriebe und Schulen durch die überbetrieblichen Ausbildungsstätten als dritten Lernort zu unterstützen und zu entlasten. Dort können zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden, insbesondere bei Unternehmen ohne Ausbildungstradition, bei kleinen Betrieben oder bei sehr spezialisierten Betrieben. Denn diese müssen nicht die Verantwortung für eine komplette Ausbildung übernehmen, sondern können auch einzelne Module anbieten. Diese bundesweit anerkannten Module strukturieren die gesamte Berufsausbildung neu.In den Branchen, in denen unterproportional ausgebildet wird, sollen die Ausbildungskosten durch regionale oder branchenspezifische verpflichtende Umlagesysteme besser zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben verteilt werden. Bereits in der Schule muss die Berufsorientierung einen größeren Stellenwert bekommen und muss geschlechtsspezifische wie auch kulturell beeinflusste Auswahlperspektiven hinterfragen.

YOUNECT: Vielen Dank Frau Lazar, für die Beantwortung unserer Fragen! Wir wünschen Ihnen für die Zukunft – ob nun als Politikerin oder Bäckerin – alles erdenklich Gute!