Diana Golze (DIE LINKE) im Gespräch mit YOUNECT

In unserer Reihe „Aus der Politik“ möchte ich Ihnen nun unser Interview mit Frau Golze präsentieren:

YOUNECT: Bitte stellen Sie sich doch kurz vor: Wie heißen Sie? Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Diana Golze: Mein Name ist Diana Golze. Ich bin Diplom-Sozialpädagogin und seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages. In der Fraktion DIE LINKE bin ich Sprecherin für Kinder- und Jugendpolitik. Außerdem vertrete ich meine Fraktion in der Kinderkommission des Bundestages.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Diana Golze: Ich bin nicht nur Mitglied der Bundestagsfraktion DIE LINKE, sondern auch Mitglied dieser Partei. Das ist für mich die Partei, die die sozialen Interessen der Menschen in den Mittelpunkt stellt, sich als Friedenspartei etabliert und für gleichwertige Lebensverhältnisse in den Regionen kämpft – egal ob in Ost- oder in Westdeutschland. In dieser Partei kann ich meine eigenen politischen Ziele umsetzen – die Bekämpfung der Kinderarmut und die Stärkung der Rechte von Kindern. Das geht nur, weil auch diese Themen zentrale Ziele DER LINKEN sind.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/ Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Diana Golze: Als kleines Mädchen wollte ich Fotografin werden. Ich fand es einfach faszinierend, vor einen hellen Vorhang gestellt zu werden, dann blitzte es und einige Tage später hatte man dann ein Bild auf Papier. Später wollte ich dann – wie wohl fast jedes Mädchen – Ärztin werden.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Diana Golze: Lernen kann man den Beruf der Politikerin/ des Politikers aus meiner Sicht nicht. Ich denke, dass in der Politik immer auch Fachleute aus unterschiedlichsten Ecken des gesellschaftlichen Lebens arbeiten sollten. Ich habe im Jahr 2000 nach meinem Studium ein Diplom als Sozialpädagogin an der TU Berlin abgelegt. Durch meine Wahl in den Bundestag und durch die Ernennung zur kinder– und jugendpolitischen Sprecherin konnte ich aber meinen gelernten Beruf mit dem Mandat der Abgeordneten verbinden.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Diana Golze: Da ich mich mit dem Ziel, Kinder- und Jugendpolitik zu machen, zur Wahl gestellt habe, sind die Beweggründe für die Wahl meiner Ausbildung und für meine Arbeitsziele im Bundestag sehr ähnlich. Die Entscheidung fiel nämlich bereits in meiner Schulzeit. Denn in dieser Zeit begann mein politisches Engagement. Im Schülerrat versuchte ich gemeinsam mit anderen, Veränderungen im Schulalltag durchzusetzen, u.a. ein Mitspracherecht der Schülerschaft bei der Besetzung der Schulleitung. Auch meine Mitarbeit in einem selbstorganisierten Jugendprojekt war prägend für den Wunsch, beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Für die Mitbestimmungsrechte von Kindern und Jugendlichen mache ich mich heute als Politikerin stark. Insofern ist meine Arbeit als Politikerin eng mit meinem Ursprungsberuf verbunden.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Diana Golze: Ich hatte das Glück, noch auf Diplom studieren zu können und nicht in einem schulmäßig organisierten Bachelor- Studiengang. Dadurch hatten wir viele Möglichkeiten und Freiheiten, unseren Studienweg und seine Inhalte zu planen und zu gestalten. Geprägt war meine Studienzeit von zwei Streiksemestern gegen die Einführung von Studiengebühren. Ich war entsetzt darüber, dass die Berliner Studierenden viel weniger politisch interessiert waren, als ich angenommen hatte. Zu Beginn des Streiks waren noch viele dabei, doch dann wurden es schnell immer dieselben Gesichter bei unseren Aktionen. Auch an den Wahlen zum Studi-Parlament hat nur ein Bruchteil meiner Kolleg/innen teilgenommen. Das fand ich gerade bei Erziehungswissenschaftler/innen sehr beschämend.

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Diana Golze: Ich würde auf jeden Fall wieder Sozialpädagogin werden wollen, denn junge Menschen brauchen professionelle Begleitung auf ihrem Weg zum erwachsen werden, heute vielleicht noch mehr als damals.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Diana Golze: Ich habe immer mit Menschen zu tun, mit jung und alt, in allen Lebenslagen. Immer lerne ich etwas Neues. Und ich kann Menschen helfen – ohne ihnen Vorschriften zu machen. Das macht Spaß! Als störend empfinde ich, dass Sozialpädagog/innen genauso wie Erzieher/innen viel zu wenig Anerkennung für ihre wichtige pädagogische Arbeit bekommen.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Diana Golze: Jeder, der Spaß daran hat, unter Menschen zu gehen, der zuhören kann und Interesse an gemeinsamen Erfahrungen hat, hat gute Voraussetzungen für diesen Beruf.

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Diana Golze: Sozialpädagog/innen arbeiten nicht nur nach dem Motto „Komm, lass uns drüber reden!“…

YOUNECT: Natürlich möchten wir auch etwas über Ihre politischen Ziele und Pläne erfahren. Da YOUNECT Jugendlichen Berufsorientierung bietet, sie bei ihrer Berufswahl unterstützt und in Ausbildungsverhältnisse vermittelt, interessiert uns natürlich Ihre Einstellung zum Thema „Berufsorientierung und Ausbildung“. Im Rahmen der aktuellen Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die berufliche Ausbildung wurden Experten der beruflichen Bildung aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen befragt. Mehr als die Hälfte der Experten teilt die Auffassung, dass es zukünftig zu einer stärkeren Diversifizierung der Ausbildungslandschaft in Deutschland kommen wird. Die Ursache sehen die Experten in der zunehmenden Modularisierung und der steigenden Konkurrenz mit den Hochschulen sowie in der Zunahme betriebspraktischer Anteile in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen.

Aus unserer Sicht wird dadurch auch zukünftig ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot für Schüler und Schulabgänger unbedingt nötig sein. Was denken Sie darüber? Wer sollte diese Aufgaben wahrnehmen? Und was halten Sie von der Online-Plattform YOUNECT, die Jugendlichen eben diese Hilfestellungen geben möchte?

Diana Golze: Die öffentlichen Angebote der Berufs- und Bildungsberatung müssen deutlich ausgebaut werden. Dafür sind die Angebote der Berufinformationszentren und der Arbeitsagenturen auszuweiten. Berufsorientierung muss in den allgemeinbildenden Schulen flächendeckend zum Angebot gehören. Private Anbieter wie YOUNECT können die öffentliche Berufsberatung sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen.

YOUNECT: Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Diana Golze: Wir wollen Berufsorientierung als Angebot flächendeckend an allen allgemeinbildenden Schulen, nicht nur an Gymnasien. Ob das Schulfach verpflichtend eingeführt werden soll, bleibt nach einer Einstiegsphase zu überlegen. Derzeit gibt es Berufsorientierung nicht flächendeckend an jeder Schule.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Diana Golze: Bundesweit hat sich ein vielfältiges Netz von Institutionen gebildet, die die Berufsorientierung von Jugendlichen in unterschiedlicher Art und Weise unterstützen. Was allerdings fehlt, ist ein flächendeckendes und verlässliches System der Bildungs- und Berufsberatung in öffentlicher Verantwortung. Die Arbeitsagenturen haben in den vergangenen Jahren gerade im Bereich der Beratung dramatisch gekürzt. Stattdessen müsste dieser Bereich deutlich ausgebaut werden, um den Herausforderungen immer vielfältigerer Berufsbiographien und eines sich schnell wandelnden Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Hierzu gehört auch der Aufbau einer mit der Berufsberatung verknüpften Bildungsberatung. Außerdem müssen die Arbeitsbedingungen der Berater/innen deutlich verbessert werden. Das Nebeneinander unterschiedlicher Regelkreise in der Beratung (SGB II/III/nicht SGB-gefördert) muss überwunden werden zugunsten einer qualifizierten öffentlichen Beratung, die Erwerbstätigen und Arbeitslosen gleichermaßen offensteht.

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK, Hans H. Driftmann, sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge. (siehe FOKUS)

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Diana Golze: Obwohl die Anzahl der Schülerabgänger/innen auch dieses Jahr sinkt, suchen noch immer zehntausende von Jugendlichen vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Nur noch jedes vierte Unternehmen bildet aus. Mehr als 300.000 Bewerber/innen sind bereits seit über einem Jahr auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Hunderttausende junge Menschen befinden sich in Warteschleifen ohne berufliche Perspektive.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Diana Golze: DIE LINKE tritt für eine Ausbildungsplatzumlage ein. Statt wirkungsloser Versprechen bedarf es endlich bindender Gesetze. Alle Betriebe, die sich nicht an der Ausbildung junger Menschen beteiligen, obwohl sie dies betriebswirtschaftlich leisten könnten, sollen in einen Fonds einzahlen. Wer ausbildet, erhält hieraus Unterstützung. DIE LINKE kämpft für das Recht aller Jugendlichen auf eine qualifizierte Berufsausbildung.

Die Berufsorientierung muss ebenso wie die öffentlichen Schulen finanziell besser ausgestattet werden, sodass in den Schulen und in den Berufsinformationszentren eine individuelle Berufs- und Bildungsberatung stattfinden kann.

YOUNECT: Vielen Dank Frau Golze, für die vielen interessanten Antworten. Auch Ihnen wünschen wir für ihre persönlichen und beruflichen Ziele viel Erfolg und gutes Gelingen!