Dolmetscherin und Übersetzerin Fachgebiet Elektrotechnik, Gudrun Kopp, FDP

Gudrun Kopp erzählt uns, wie sie selbst als Exportfachfrau von einem mexikanischen Geschäftsmann mit einer Pistole bedroht wurde und sich die Berufswahl dabei bewährte. Seit 1998 ist Frau Kopp Mitglied des Deutschen Bundestages und setzt sich mit der FDP auch dafür ein, dass das Angebot der Berufs-, Laufbahn- und Finanzierungsberatung gestärkt wird.

YOUNECT: Bitte stellen Sie sich doch kurz vor: Wie heißen Sie? Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Gudrun Kopp: Ich heiße Gudrun Kopp, bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Von Beruf bin ich Dolmetscherin und Übersetzerin für die Sprachen Englisch und Spanisch, Fachgebiet Elektrotechnik. Ich war 15 Jahre lang Mitglied im Stadtrat meiner Heimatstadt Lage / Kreis Lippe in NRW und bin seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages, derzeit Sprecherin für Energiepolitik und Welthandelsfragen der FDP-Bundestagsfraktion. Seit 1995 bin ich Vorsitzende des FDP-Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Gudrun Kopp: Ich bin Mitglied der Freien Demokratischen Partei (FDP). Meine Ziele sind der Erhalt und Ausbau der persönlichen Freiheit bei gleichzeitiger Eigenverantwortung. Jeder, der sich nicht selbst helfen kann, soll die Unterstützung der Allgemeinheit in Anspruch nehmen können und für jeden gilt nach meiner Überzeugung auch, dass die Chance zur freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, mit dem Recht auf Bildung, gegeben sein muss.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/ Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Gudrun Kopp: Meine Berufswünsche wechselten häufig – von Stewardess, Künstlerin, Ärztin – bis sich klarer abbildete, was meine Stärken sind, die ich in einen Beruf einbringen wollte und schließlich auch konnte.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Gudrun Kopp: Um Dolmetscherin und Übersetzerin zu werden, absolvierte ich ein Fremdsprachenstudium (Englisch und Spanisch, Fachbereich Elektrotechnik).

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Gudrun Kopp: Das große Interesse an Fremdsprachen und damit verbunden die großen Möglichkeiten, mit vielen Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen den direkten Austausch zu pflegen.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Gudrun Kopp: Am Beginn meiner Berufstätigkeit als Exportfachfrau verhandelte ich auf einer internationalen Industriemesse mit Kunden meines Arbeitgebers – als plötzlich mein Gegenüber – ein mexikanischer Geschäftsmann, eine Pistole auf den Tisch legte, um gleich danach Unterlagen aus seiner Aktentasche zu ziehen. Meine Kollegen und ich erschraken zunächst sehr; die Tatsache aber, dass ich den Herrn in seiner Landessprache darauf hinweisen konnte, dass wir uns durch die Präsenz der Waffe bedroht fühlten, führte sehr schnell dazu, dass er das „Ungetüm“ sofort wieder einsteckte. Er entschuldigte sich bei mir und erklärte, dass er fürchtete, überfallen und ausgeraubt zu werden, weil er stets einen dicken Packen Dollar-Scheine bei sich trage…

YOUNECT: Natürlich möchten wir auch etwas über Ihre politischen Ziele und Pläne erfahren. Da YOUNECT Jugendlichen Berufsorientierung bietet, sie bei ihrer Berufswahl unterstützt und in Ausbildungsverhältnisse vermittelt, interessiert uns natürlich Ihre Einstellung zum Thema “Berufsorientierung und Ausbildung”. Im Rahmen der aktuellen Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die berufliche Ausbildung wurden Experten der beruflichen Bildung aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen befragt. Mehr als die Hälfte der Experten teilt die Auffassung, dass es zukünftig zu einer stärkeren Diversifizierung der Ausbildungslandschaft in Deutschland kommen wird. Die Ursache sehen die Experten in der zunehmenden Modularisierung und der steigenden Konkurrenz mit den Hochschulen sowie in der Zunahme betriebspraktischer Anteile in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen.

Aus unserer Sicht wird dadurch auch zukünftig ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot für Schüler und Schulabgänger unbedingt nötig sein.

Gudrun Kopp: Leider müssen wir bei vielen Jugendlichen, nicht zuletzt aufgrund der dynamischen gesellschaftlichen Entwicklung und der Diversifizierung der Tätigkeitsfelder, eine wachsende Orientierungslosigkeit mit Blick auf die Wahl der Ausbildung oder des Studienfaches feststellen. Um gravierenden Fehlentscheidungen vorzubeugen und jungen Menschen die Wahl einer Ausbildung oder eines Studiums zu erleichtern, welche der Persönlichkeitsstruktur und den jeweiligen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, bedürfen wir einer Stärkung der Praxisorientierung im Unterrichtskontext als auch einer Qualifizierung der Laufbahn- und Berufsberatung.

Die FDP teilt die Auffassung von YOUNECT, dass es erhebliche Defizite im Bereich der Ausbildungs- und Studienberatung zu beheben gilt. Neben der Qualifizierung von Lehrkräften im Verlauf der Lehreraus- und Fortbildung bedürfen wir einer Stärkung des erweiterten Informations- und Beratungsangebots in Zusammenwirkung der Kultusbehörden, der Bundesagentur für Arbeit, IHK und Handwerkskammern, Hochschulen, Studentenwerken sowie staatlichen und freien Trägern im Bereich der Berufsberatung.

Ich halte die Online-Plattform YOUNECT für sehr gelungen und für einen guten Beitrag zur Stärkung des Informationsangebots für Jugendliche.

YOUNECT: Was halten Sie beispielsweise von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Gudrun Kopp: Grundsätzlich halte ich die Integration der Berufsorientierung in den Lehrplan für wünschenswert. Es sollte jedoch überprüft werden, ob und inwiefern eine verstärkte und kontinuierliche Einbeziehung der Berufsorientierung im Rahmen des bestehenden Fächerkanons geeigneter wäre, einen Eindruck über potenzielle Berufe zu vermitteln, als dies durch eine Beschränkung der Thematik auf ein einzelnes Fach möglich ist. Eine langfristige, differenzierte Praxis- und Berufsorientierung böte den Vorteil, dass sich Schülerinnen und Schüler sehr viel früher, spezifischer und nachhaltiger mit der Frage der Berufswahl auseinandersetzen könnten.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Gudrun Kopp: Es gibt eine Vielzahl an Trägern, welche Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Angeboten bei der Berufsorientierung unterstützen. Diese Vielfalt bietet Jugendlichen die Chance, sehr spezifische Informationen erlangen zu können. Damit es aufgrund der Heterogenität der Angebote nicht zu einer Überforderung der Jugendlichen kommt wäre es sinnvoll, die Angebotspalette nach Zielsetzung zu systematisieren und für junge Menschen handhabbar aufzubereiten.

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge. (siehe FOKUS )

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Gudrun Kopp: Ja, es ist mir durchaus bekannt, dass Ausbildungsbetriebe keine geeigneten Bewerber für vakante Ausbildungsplätze finden können. Gerade aufgrund der demografischen Entwicklung der Schulabgängerzahlen ist es zunehmend problematisch, Bewerber für unbesetzte Stellen zu finden. In der Regel ist es ratsam, Kontakt zu den jeweiligen Personalstellen oder der oder dem Firmeninhaber aufzunehmen.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Gudrun Kopp: Im Jahr 2009 verließen demografiebedingt fast 40.000 weniger Schulabgänger als im Vorjahreszeitraum die Schulen und dieser Trend wird sich unweigerlich fortsetzen. Angesichts des demografischen Wandels, der gestiegenen Ansprüche und Erfordernisse einer Wissensgesellschaft, welche sich auch auf den Bereich der beruflichen Bildung auswirken, ist es eine gesellschaftliche Verpflichtung und Notwendigkeit dafür zu sorgen, dass unser Nachwuchs bestmöglich gefördert wird. Denn wir können es uns nicht leisten, dass Jugendliche mangels Ausbildungsreife am Zugang zum Berufsbildungssystem scheitern.

Gerade deswegen müssen wir sicherstellen, dass insbesondere Schulen, die traditionell den Brückenschlag zum System der beruflichen Bildung bilden, bessere Förderbedingungen erhalten und eine sehr starke Berufsorientierung zum Regelfall wird. Betriebserkundungen, Praktika und Bewerbertraining müssen ebenso eine Rolle spielen wie die Ausrichtung der Lehrinhalte und Themen, die die Bedeutung der Wirtschaft und Technik in den Mittelpunkt rücken. Das duale Ausbildungssystem hat sich in Deutschland seit Jahrzehnten bewährt. Eine der wichtigsten Stärken besteht in der Verankerung der beruflichen Ausbildung in den Betrieben. Hier ist ein enges Zusammenwirken von Schule und Betrieben notwendig. Die berufliche Weiterbildung als lebensbegleitendes Lernen ist eine starke Säule des Bildungssystems. Förderangebote für Schulabgänger im Übergang in eine berufliche Ausbildung müssen in enger Abstimmung mit dem Berufsausbildungssystem erfolgen. Ziel dieser Fördermaßnahmen muss die Einmündung in eine berufliche Ausbildung sein. Ausbildungsgänge müssen flexibler und modular aufgebaut werden. Jugendliche mit mangelnder Ausbildungsreife müssen die Möglichkeit haben, sich durch den Abschluss von zertifizierten Ausbildungsmodulen nachträglich zu qualifizieren.

Zudem setzt sich die FDP dafür ein, dass das Angebot im Bereich der Berufs-, Laufbahn- und Finanzierungsberatung gestärkt wird. Hier müssen Bund, Länder, BA, Studentenwerke und Träger der Berufsberatung zusammenwirken.

YOUNECT: Vielen Dank Frau Kopp für die vielen ausführlichen Antworten auf unsere Fragen.Wir hoffen, dass wir im Bereich der Berufs- und Laufbahnberatung noch öfter voneinander hören und miteinander sprechen werden.