Dr. Petra Sitte (LINKE) über Traumberufe und Politik

Unsere Interviews mit Politikern gehen weiter: Obwohl auch Sie wahrscheinlich in den Vorbereitungen zur Bundestagswahl am 27. September steckt, nahm auch Frau Dr. Sitte sich die Zeit, unsere Fragen zu beantworten. Frau Dr. Sitte ist Mitglied des Deutschen Bundestages sowie Forschungs- und Technologiepolitische Sprecherin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Dr. Petra Sitte: Ich gehöre der LINKEN an. Die wichtigsten Ziele der LINKEN bestehen darin, den Menschen ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen, eine gesunde Umwelt zu schaffen und schützen, Dasein erhaltende Arbeit und soziale Perspektiven in Familien und mit Freunden zu sichern, Verteilungsgerechtigkeit zu erzielen, gesellschaftliche Teilhabe sowie demokratische Mitwirkung über den Zugang zu Wissen, Bildung, Kultur, Sport, Gesundheitsfür- und -vorsorge zu öffnen.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/ Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Dr. Petra Sitte: Buchdruckerin oder Schriftmalerin wollte ich werden. Schriftentwicklung, Schriftarten, Kalligraphie, Buchgestaltung, Ästhetik der Typographie, damit verbundene technische und technologische Entwicklungen, typographische Kommunikation etc. hat mich immer schon gefesselt. Warum kann ich eigentlich nicht sagen… Manches lässt sich eben nicht einfach erklären.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

D. Petra Sitte: Zunächst hatte ich eine Lehrstelle an der Buchdruckerei ´´Völkerfreundschaft´´ in Dresden in Aussicht. Parallel dazu bekam ich die Chance, mein Abitur an der Erweiterten Oberschule abzulegen. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Damit war die Lehrstelle passé. Später habe ich Volkswirtschaft studiert und bin dann an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte als Forschungsstudentin geblieben. So bin ich dann zumindest bei >Geschichte< wieder angekommen.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Dr. Petra Sitte: Ich wollte eine akademische Laufbahn einschlagen, weil ich historische Wissenschaften spannend finde, weil ich Seminare halten und in der Ausbildung junger Leute bleiben wollte. Im Institut wurde zu Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Geschichte ökonomischer Lehrmeinungen und Technikgeschichte gearbeitet. Da wir nur wenige Institutsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter waren, gab es eine intensive, sehr inspirierende Kommunikation unter uns, bis hin zu gegenseitigen Seminarvertretungen. Das war eine sehr befriedigende Herausforderung.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Dr. Petra Sitte: Ich habe diese als sehr anspruchsvoll und ausgesprochen breit gefächert in Erinnerung. Ich erinnere mich sehr gern an die langen Lesestunden in der altehrwürdigen Universitätsbibliothek, an die riesigen alten Schreibtische mit den vernutzten Holzflächen und an die endlosen Diskutierstunden im ´´Sargdeckel´´ (einer historischen Bierkneipe in einem alten Fachwerkhaus in Halle) mit Freundinnen und Freunden.

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Dr. Petra Sitte: Ich glaube ja. Aber die Bedingungen waren andere. Ich bin mir nicht sicher, ob ich unter heutigen Bedingungen eine akademische Laufbahn angehen würde.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Dr. Petra Sitte: Ich bin nicht in meinem Beruf geblieben, sondern in die Politik gegangen. Ich profitiere aber inhaltlich, methodisch, kommunikativ etc. sehr aus meiner beruflichen Vorgeschichte.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Dr. Petra Sitte: Ich kann meinen ursprünglichen Beruf nicht weiter empfehlen. Ich habe ihn zu DDR-Zeiten ´´gelernt´´. Was heute für Anforderungen stehen, kann ich aus eigenem Erleben nicht einschätzen. Bezogen auf den zweiten Teil meines Arbeitslebens lässt sich sagen: Ja, ich kann empfehlen, in die Politik zu gehen, sofern Politik nicht als Selbstzweck verstanden wird, sondern sich damit inhaltliche Ziele verbinden. Diese Person müsste einigermaßen klare Vorstellungen über eigene inhaltliche Ansprüche und kommunikative Fähigkeiten haben, müsste Zuhören können und müsste Einfühlungsvermögen in Lebenssituationen anderer Menschen entwickeln bzw. seinen Mitmenschen Zuwendung entgegen bringen wollen. Sie müsste Neugier und Lust auf Neues haben, müsste lernbereit und kritikfähig sein. Die Person müsste Achtsamkeit für die Konsequenzen des eigenen Handelns aufbringen. Schließlich sollte sie ein wenig selbstironisch sein können. Man muss auch einmal neben sich stehen können, um die vielfältigen Eindrücke und Gefühle verarbeiten zu können. Sieh dich mit den Augen anderer!?

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Dr. Petra Sitte: Es gibt zu fast jedem Beruf Vorurteile. Ich versuche dadurch zu überzeugen, dass ich meine Aufgaben mit Tiefgang zu erfüllen suche und auch Alternativen bedenke. Fachliche Kompetenz, Einsatzbereitschaft und Verlässlichkeit sollen meine Arbeit kennzeichnen. Ich lege Wert darauf, zugänglich für Argumente zu sein und möchte mit meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern ein kreatives, ideenreiches Team bilden. Vor ´´spaßfreien Zonen´´ grauselt mir. Ich hoffe, dass ich keine Austrahlung ´´von denen da oben´´ angenommen habe.

YOUNECT: Natürlich möchten wir auch etwas über Ihre politischen Ziele und Pläne erfahren. Da YOUNECT Jugendlichen Berufsorientierung bietet, sie bei ihrer Berufswahl unterstützt und in Ausbildungsverhältnisse vermittelt, interessiert uns natürlich Ihre Einstellung zum Thema „Berufsorientierung und Ausbildung“. Im Rahmen der aktuellen Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die berufliche Ausbildung wurden Experten der beruflichen Bildung aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen befragt. Mehr als die Hälfte der Experten teilt die Auffassung, dass es zukünftig zu einer stärkeren Diversifizierung der Ausbildungslandschaft in Deutschland kommen wird. Die Ursache sehen die Experten in der zunehmenden Modularisierung und der steigenden Konkurrenz mit den Hochschulen sowie in der Zunahme betriebspraktischer Anteile in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen.

Aus unserer Sicht wird auch zukünftig ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot für Schüler und Schulabgänger unbedingt nötig sein. Was denken Sie darüber? Wer sollte diese Aufgaben wahrnehmen? Und was halten Sie von der Online-Plattform YOUNECT, die Jugendlichen eben diese Hilfestellungen geben möchte?

Dr. Petra Sitte: Die öffentlichen Angebote der Berufs- und Bildungsberatung müssen deutlich ausgebaut werden. Dafür sind die Angebote der Berufinformationszentren und der Arbeitsagenturen auszuweiten. Berufsorientierung muss in den allgemeinbildenden Schulen flächendeckend zum Angebot gehören. Private Anbieter wie YOUNECT können die öffentliche Berufsberatung sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen.

YOUNECT: Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Dr. Petra Sitte: Wir, DIE LINKE, wollen Berufsorientierung als Angebot flächendeckend an allen allgemeinbildenden Schulen, nicht nur an Gymnasien. Ob das Schulfach verpflichtend eingeführt werden soll, bleibt nach einer Einstiegsphase zu überlegen. Derzeit gibt es Berufsorientierung nicht flächendeckend an jeder Schule.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Dr. Petra Sitte: Bundesweit hat sich ein vielfältiges Netz von Institutionen gebildet, die die Berufsorientierung von Jugendlichen in unterschiedlicher Art und Weise unterstützen. Was allerdings fehlt, ist ein flächendeckendes und verlässliches System der Bildungs- und Berufsberatung in öffentlicher Verantwortung. Die Arbeitsagenturen haben in den vergangenen Jahren gerade im Bereich der Beratung dramatisch gekürzt. Stattdessen müsste dieser Bereich deutlich ausgebaut werden, um den Herausforderungen immer vielfältigerer Berufsbiographien und eines sich schnell wandelnden Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Hierzu gehört auch der Aufbau einer mit der Berufsberatung verknüpften Bildungsberatung. Außerdem müssen die Arbeitsbedingungen der Beraterinnen und Berater deutlich verbessert werden. Das Nebeneinander unterschiedlicher Regelkreise in der Beratung (SGB II/III/nicht SGB-gefördert) muss überwunden werden zugunsten einer qualifizierten öffentlichen Beratung, die Erwerbstätigen und Arbeitslosen gleichermaßen offensteht.

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK, Hans H. Driftmann, sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge. (siehe FOKUS).

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Dr. Petra Sitte: Obwohl die Anzahl der Schülerabgängerinnen und –abgänger auch dieses Jahr sinkt, suchen noch immer zehntausende von Jugendlichen vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Nur noch jedes vierte Unternehmen bildet aus. Mehr als 300.000 Bewerberinnen und Bewerber sind bereits seit über einem Jahr auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Hunderttausende junge Menschen befinden sich in Warteschleifen ohne berufliche Perspektive.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Dr. Petra Sitte: DIE LINKE tritt für eine Ausbildungsplatzumlage ein. Statt wirkungsloser Versprechen bedarf es endlich bindender Gesetze. Alle Betriebe, die sich nicht an der Ausbildung junger Menschen beteiligen, sollen in einen Fonds einzahlen. Wer ausbildet, erhält hieraus Unterstützung. DIE LINKE kämpft für das Recht aller Jugendlichen auf eine qualifizierte Berufsausbildung.Die Berufsorientierung muss ebenso wie die öffentlichen Schulen finanziell besser ausgestattet werden, sodass in den Schulen und in den Berufsinformationszentren eine individuelle Berufs- und Bildungsberatung stattfinden kann.

YOUNECT: Vielen Dank Frau Dr. Sitte für die vielen interessanten Anregungen und Auskünfte. Wir wünschen auch Ihnen für die Zukunft alles Gute!