Früher wollte sie Kinderärztin werden – Heute setzt sich Ekin Deligöz für die Rechte von Kindern ein

Im heutigen Interview stellen wir Frau Deligoz, Bundestagsabgeordnete der Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN vor. Sie berichtete YOUNECT von ihrem manchmal sehr steinigen Bildungsweg und ihrer Karriere als Politikerin bei Bündis 90/DIE GRÜNEN.

YOUNECT: Bitte stellen Sie sich doch kurz vor: Wie heißen Sie? Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Ekin Deligöz: Ich heiße Ekin Deligöz, komme aus Schwaben und bin seit 1998 Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Neu-Ulm. Derzeit bin ich kinder- und familienpolitische Sprecherin meiner Fraktion und Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages. Ich bin 38 Jahre alt, verheiratet, habe zwei Kinder und lebe in Senden/Bayern und in Berlin. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meinen Kindern.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Ekin Deligöz: Ich bin seit 1989 Mitglied von Bü90/Grünen.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN treten ein für den Erhalt der Umwelt, eine ökologische, moderne Wirtschaftspolitik, eine sozial ausbalancierte Politik auch und gerade in Zeiten der Globalisierung und, nicht zuletzt, für die Wahrung und Stärkung von Bürgerrechten. Die Zeit drängt: für Wirtschafts- und Klimakrise müssen jetzt Lösungen gefunden werden. Und zwar nachhaltige, die akute Probleme nicht einfach auf die kommenden Generationen abwälzen. Damit das gelingt, muss ein Umdenken stattfinden, das Umwelt und Arbeit miteinander verbindet, Gerechtigkeit herstellt und Freiheit stärkt. Dazu schlagen wir den Grünen Neuen Gesellschafsvertrag vor.

– Wie wir mit einem konsequent sozial-ökologischen Programm 1 Million neuer Arbeitsplätze schaffen werden,

– wie wir die Klimakatastrophe abwenden und eine Zukunft erneuerbaren Energien gestalten wollen,

– wie wir gerechte soziale Verhältnisse und gute Bildungs- und Teilhabechancen für alle gewähren wollen,

– und wie wir Selbstbestimmung und Emanzipation in einem bedrängen Rechtsstaat sichern wollen

kann jeder genauer nachlesen z.B. im Grünen Wahlprogramm (http://gruene.de/einzelansicht/artikel/unser-wahlprogramm.html)

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/ Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Ekin Deligöz: Ich bin in der Türkei aufgewachsen und wurde dort sehr viel mit Armut und Ungleichheit konfrontiert. Vor allem Kinder haben unter dieser gelebten Armut sehr gelitten. Deshalb wollte ich Kinderärztin werden und den Kindern insbesondere in den Entwicklungsländern helfen.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Ekin Deligöz: Mein Weg führte mich nach Deutschland. Für den Medizinerberuf war ich wohl ungeeignet. Ich studierte Verwaltungswissenschaft, unter anderem mit dem Schwerpunkt Entwicklungszusammenarbeit. Als 17- Jährige Türkin, lange bevor ich Mitspracherechte in Deutschland hatte, hatte ich diese bei den Grünen. In meiner Partei konnte ich mitreden und wurde ernst genommen. Das war der Beginn meines Engagements. Inzwischen bin ich über zehn Jahre im Bundestag. Dort setze ich mich für die Rechte der Kinder ein. Armutsbekämpfung und Teilhaberechte sind mir immer noch ein großes Anliegen.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Ekin Deligöz: Ich bin als Kind mit 7 Jahren nach Deutschland gekommen, und habe dieses Land sehr schnell – und gerne – als Heimat gesehen. Gleichzeitig mitbekommen, dass es als Migrantin alles andere als leicht ist, überall akzeptiert zu werden und gleiche Chancen zu bekommen wie alle anderen auch. So hatte ich früh den Impuls, mich gesellschaftlich und politisch zu engagieren. Das hat mich bis heute geprägt.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Ekin Deligöz: Ich hatte in der achten Klasse einen Lehrer, der mir in Deutsch immer die Note Fünf gab, egal was ich ablieferte. Irgendwann fragte ich warum und bekam als Antwort: „Ich will dir einen Gefallen tun. Ausländer gehören nicht aufs Gymnasium genauso wie Behinderte nicht an einem 100- Meter- Rennen teilnehmen können. Sie können nur zurückbleiben und verlieren.“ Dieser Spruch hat mich verletzt und herausgefordert zu gleich. Mein wichtigstes Anliegen in der Politik ist auch deshalb nach wie vor, dass jedes Kind unabhängig von Herkunft und Familie gefördert und unterstützt wird und eine Chance bekommt.

Aber ich habe auch gute Erfahrungen gesammelt. Während meines Studiums an der Universität Konstanz wurde ich mit dem besten Ergebnis des Fachbereichs zur Fakultätsrätin und damit zur Vertreterin der Studierenden gewählt. Engagement lohnt sich und macht auch sehr viel Spaß.

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Ekin Deligöz: Ich würde definitiv mehr Sport machen und vermutlich im Unterricht an vielen Stellen besser aufpassen.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Ekin Deligöz: Ich mache meine Arbeit aus Überzeugung und mit viel Engagement. Mir gefällt es immer wieder mit unterschiedlichen Menschen zu reden, zu diskutieren, neue Ideen und Konzepte zur politischen Gestaltung zu entwickeln und für die Sache zu streiten, wenn ich überzeugt davon bin.

Es gibt auch Augenblicke der Frustration. Viele Menschen beschimpfen Abgeordnete, ohne sich auch nur im Geringsten mit unserer Arbeit auseinander zu setzen. Aus der Überzeugung heraus, dass Demokratie eine sehr gute Staatsform ist, versuche ich mich dieser Form der Politikverdrossenheit entgegen zu setzen.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Ekin Deligöz: Ich empfehle meinen Job allen, die gerne in der Öffentlichkeit stehen, etwas zu sagen haben und auch für unbequeme Inhalte gerade stehen können. Sie brauchen dazu Durchhaltevermögen, gute Freunde, viel Geduld, Überzeugungskraft und natürlich die Fähigkeit zu Reden, aber auch zum Zuhören.

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Ekin Deligöz: Abgeordnete sind Faul, haben von Nichts eine Ahnung und sind Leerschwätzer –

Ich bin nicht Faul. Meine Arbeitszeit übersteigt deutlich die 50- Stunden Woche, ich bin Expertin in meinem Fach und das seit längerem. Ich mache eine grüne Politik mit Hand und Fuß.

YOUNECT: Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Ekin Deligöz: Bündnis 90/Die Grünen halten die neben den Pflichtfächern angesetzten zwei Seminarkurse für Wissenschaftspropädeutik und für Berufs- und Studienorientierung im Grundsatz für richtig. Allerdings ist noch unklar, welche Konzepte an den einzelnen Schulen umgesetzt werden sollen.

Uns Grünen ist wichtig,

…dass die Beratung auch auf genderspezifische Aspekte eingeht (also das jeweilige Berufswahlspektrum behandelt)

…dass die Lehrkräfte über vertiefte interkulturelle Qualifikationen verfügen und

…dass die Eltern einbezogen werden.

Die Qualität der Kurse wird zudem stark von der Ausrichtung und der personellen Ausstattung abhängen.

Die diesbezüglichen Ankündigungen der Landesregierung stellen uns noch nicht zufrieden.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Ekin Deligöz: Bündnis 90/ Die Grünen halten eine Stärkung der Berufsorientierung für notwendig und sinnvoll. Die sollte sowohl in der Jugendsozialarbeit stattfinden als auch in der gebundenen Ganztagsschule, in der alle Kinder und Jugendlichen mindestens bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen und dabei individuell gefördert werden. Dort setzen wir auf fächerübergreifenden Unterricht, Teams aus LehrerInnen, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen, die gemeinsam für die Schüler zuständig sind. Dabei ist dann auch mehr Raum als bisher für regelmäßige Kontakte und Projekte mit der regionalen Wirtschaft und eine qualifizierte Unterstützung bei der Berufsorientierung durch das gemischt-qualifizierte Schulteam.

Ein besonders gelungenes Projekt erscheint uns u. a. „KUMULUS – Bildungsberatung und Ausbildungsstellenvermittlung für Jugendliche mit Migrationshintergrund“ in Berlin. Zum Genderthema halten wir z. B. das Projekt „Neue Wege für Jungs“ für nachahmenswert.

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben

wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK, Hans H. Driftmann, sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge. (siehe FOKUS)

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Ekin Deligöz: Das Problem ist uns selbstverständlich bekannt. Allerdings bedeutet diese zukünftige Entwicklung nicht, dass die SchulabgängerInnen dieses Jahres auf später vertröstet werden könnten. Für diese Jugendlichen müssen jetzt qualifizierende Angebote gemacht werden. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für August 2009 (Veröffentlichung am 1.9.2009) zeigen, dass zwar die Zahl der Suchenden sinkt, aber noch immer eine große Lücke im Angebot besteht: fast 100.000 suchende Jugendliche können sich derzeit auf gerade 65.000 angebotene Ausbildungsplätze bewerben. Für knapp 35.000 Jugendliche gibt es also im August 2009 noch nicht einmal rechnerisch einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Wenn sie jetzt kein Angebot bekommen, wird es mit der Zeit immer schwieriger werden, sie wieder in den Qualifizierungs- und später in den Arbeitsprozess zu integrieren.

Die Frage nach den Ansprechpartnern in den Betrieben können Ihnen nur die regionalen Kammern beantworten. Mit den Verantwortlichen können Sie dann sowohl die derzeitige Lücke wie auch den absehbaren Mangel besprechen.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Ekin Deligöz: Wir Grüne haben in unserem Modell DualPlus vorgeschlagen, Betriebe und Schulen durch die überbetrieblichen Ausbildungsstätten als dritten Lernort zu unterstützen und zu entlasten. Dort können zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden, insbesondere bei Unternehmen ohne Ausbildungstradition, bei kleinen Betrieben oder bei sehr spezialisierten Betrieben. Denn diese müssen nicht die Verantwortung für eine komplette Ausbildung übernehmen, sondern können auch einzelne Module anbieten. Diese bundesweit anerkannten Module strukturieren die gesamte Berufsausbildung neu.

In den Branchen, in denen unterproportional ausgebildet wird, sollen die Ausbildungskosten durch regionale oder branchenspezifische verpflichtende Umlagesysteme besser zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben verteilt werden. Bereits in der Schule muss die Berufsorientierung einen größeren Stellenwert bekommen und muss geschlechtsspezifische wie auch kulturell beeinflusste Auswahlperspektiven hinterfragen.

YOUNECT: Vielen Dank Frau Deligöz, für die ausführliche Beantwortung unserer Fragen und die persönlichen Eindrücke die sie uns gewährten. Für Ihre berufliche sowie private Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute!