Ernst Burgbacher, FDP, über seine politischen Ziele

Auch Herr Burgbacher, Bundestagsabgeordneter der FDP-Fraktion, beantwortete einige unserer Fragen. Damit haben wir bereits 15 Interviews mit Politikern in unserer Rubrik „Aus der Politik“ veröffentlicht. Darunter sind alle Fraktionen des deutschen Bundestags vertreten. Die Antworten von Herrn Burgbacher sollen im Folgenden vorgestellt werden:

YOUNECT: Wie heißen Sie? Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Ernst Burgbacher: Ernst Burgbacher, Mitglied des Deutschen Bundestages, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Tourismuspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Ernst Burgbacher: Ich bin Mitglied der FDP. Wichtigstes Ziel der FDP ist, dass die Mitte wieder gestärkt wird. Die Mittelschicht ist das Bindeglied unserer Gesellschaft. Sie baut Brücken, sie ermöglicht Einstieg und Aufstieg. Dazu setzt sich die FDP für eine spürbare Entlastung der Mitte ein. Die FDP steht für faire Steuersätze und eine grundlegende Vereinfachung des Steuerrechts. Das schafft den dringend benötigten finanziellen Spielraum für Bürger und Unternehmen: Für mehr privaten Konsum, für Vorsorge für Alter, Gesundheit und Pflege, als Impuls für Wachstum und Investitionen.

Die FDP will, dass sich Arbeit wieder lohnt, Bildung wieder Bürgerrecht wird, Freiheit gestärkt wird und Bürgerrechte wieder geschützt werden. Leistungsgerechtigkeit, Weltoffenheit und Toleranz, dafür stehen wir Liberalen.

YOUNECT: Da YOUNECT Jugendlichen Berufsorientierung bietet, sie bei ihrer Berufswahl unterstützt und in Ausbildungsverhältnisse vermittelt, interessiert uns natürlich Ihre Einstellung zum Thema “Berufsorientierung und Ausbildung”. Im Rahmen der aktuellen Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die berufliche Ausbildung wurden Experten der beruflichen Bildung aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen befragt. Mehr als die Hälfte der Experten teilt die Auffassung, dass es zukünftig zu einer stärkeren Diversifizierung der Ausbildungslandschaft in Deutschland kommen wird. Die Ursache sehen die Experten in der zunehmenden Modularisierung und der steigenden Konkurrenz mit den Hochschulen sowie in der Zunahme betriebspraktischer Anteile in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen.

Aus unserer Sicht wird dadurch auch zukünftig ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot für Schüler und Schulabgänger unbedingt nötig sein. Was denken Sie darüber? Wer sollte diese Aufgaben wahrnehmen? Und was halten Sie von der Online-Plattform YOUNECT, die Jugendlichen eben diese Hilfestellungen geben möchte?

Ernst Burgbacher: Leider müssen wir bei vielen Jugendlichen, nicht zuletzt aufgrund der dynamischen gesellschaftlichen Entwicklung und der Diversifizierung der Tätigkeitsfelder, eine wachsende Orientierungslosigkeit mit Blick auf die Wahl der Ausbildung oder des Studienfaches feststellen. Um gravierenden Fehlentscheidungen vorzubeugen und jungen Menschen die Wahl einer Ausbildung oder eines Studiums zu erleichtern, welche der Persönlichkeitsstruktur und den jeweiligen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, bedürfen wir einer Stärkung der Praxisorientierung im Unterrichtskontext als auch einer Qualifizierung der Laufbahn- und Berufsberatung.

Die FDP teilt die Auffassung von YOUNECT, dass es erhebliche Defizite im Bereich der Ausbildungs- und Studienberatung zu beheben gilt. Neben der Qualifizierung von Lehrkräften im Verlauf der Lehreraus- und Fortbildung bedürfen wir einer Stärkung des erweiterten Informations- und Beratungsangebots in Zusammenwirkung der Kultusbehörden, der Bundesagentur für Arbeit, IHK und Handwerkskammern, Hochschulen, Studentenwerken sowie staatlichen und freien Trägern im Bereich der Berufsberatung.

Ich halte die Online-Plattform YOUNECT für sehr gelungen und für einen guten Beitrag zur Stärkung des Informationsangebots für Jugendliche.

YOUNECT: Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Ernst Burgbacher: Grundsätzlich halte ich die Integration der Berufsorientierung in den Lehrplan für wünschenswert. Es sollte jedoch überprüft werden, ob und inwiefern eine verstärkte und kontinuierliche Einbeziehung der Berufsorientierung im Rahmen des bestehenden Fächerkanons geeigneter wäre, einen Eindruck über potenzielle Berufe zu vermitteln, als dies durch eine Beschränkung der Thematik auf ein einzelnes Fach möglich ist. Eine langfristige, differenzierte Praxis- und Berufsorientierung böte den Vorteil, dass sich Schülerinnen und Schüler sehr viel früher, spezifischer und nachhaltiger mit der Frage der Berufswahl auseinandersetzen könnten.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Ernst Burgbacher: Es gibt eine Vielzahl an Trägern, welche Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Angeboten bei der Berufsorientierung unterstützen. Diese Vielfalt bietet Jugendlichen die Chance, sehr spezifische Informationen erlangen zu können. Damit es aufgrund der Heterogenität der Angebote nicht zu einer Überforderung der Jugendlichen kommt wäre es sinnvoll, die Angebotspalette nach Zielsetzung zu systematisieren und für junge Menschen handhabbar aufzubereiten.

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge.

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Ernst Burgbacher: Ja, es ist mir durchaus bekannt, dass Ausbildungsbetriebe keine geeigneten Bewerber für vakante Ausbildungsplätze finden können. Gerade aufgrund der demografischen Entwicklung der Schulabgängerzahlen ist es zunehmend problematisch, Bewerber für unbesetzte Stellen zu finden. In der Regel ist es ratsam, Kontakt zu den jeweiligen Personalstellen oder der oder dem Firmeninhaber aufzunehmen.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Ernst Burgbacher: Im Jahr 2009 verließen demografiebedingt fast 40.000 weniger Schulabgänger als im Vorjahreszeitraum die Schulen und dieser Trend wird sich unweigerlich fortsetzen. Angesichts des demografischen Wandels, der gestiegenen Ansprüche und Erfordernisse einer Wissensgesellschaft, welche sich auch auf den Bereich der beruflichen Bildung auswirken, ist es eine gesellschaftliche Verpflichtung und Notwendigkeit dafür zu sorgen, dass unser Nachwuchs bestmöglich gefördert wird. Denn wir können es uns nicht leisten, dass Jugendliche mangels Ausbildungsreife am Zugang zum Berufsbildungssystem scheitern.

Gerade deswegen müssen wir sicherstellen, dass insbesondere Schulen, die traditionell den Brückenschlag zum System der beruflichen Bildung bilden, bessere Förderbedingungen erhalten und eine sehr starke Berufsorientierung zum Regelfall wird. Betriebserkundungen, Praktika und Bewerbertraining müssen ebenso eine Rolle spielen wie die Ausrichtung der Lehrinhalte und Themen, die die Bedeutung der Wirtschaft und Technik in den Mittelpunkt rücken. Das duale Ausbildungssystem hat sich in Deutschland seit Jahrzehnten bewährt. Eine der wichtigsten Stärken besteht in der Verankerung der beruflichen Ausbildung in den Betrieben. Hier ist ein enges Zusammenwirken von Schule und Betrieben notwendig. Die berufliche Weiterbildung als lebensbegleitendes Lernen ist eine starke Säule des Bildungssystems. Förderangebote für Schulabgänger im Übergang in eine berufliche Ausbildung müssen in enger Abstimmung mit dem Berufsausbildungssystem erfolgen. Ziel dieser Fördermaßnahmen muss die Einmündung in eine berufliche Ausbildung sein. Ausbildungsgänge müssen flexibler und modular aufgebaut werden. Jugendliche mit mangelnder Ausbildungsreife müssen die Möglichkeit haben, sich durch den Abschluss von zertifizierten Ausbildungsmodulen nachträglich zu qualifizieren.

Zudem setzt sich die FDP dafür ein, dass das Angebot im Bereich der Berufs-, Laufbahn- und Finanzierungsberatung gestärkt wird. Hier müssen Bund, Länder, BA, Studentenwerke und Träger der Berufsberatung zusammenwirken.

YOUNECT: Vielen Dank Herr Burgbacher, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten. Für ihre politische wie auch private Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute!