In einem sind sich alle Politiker einig: Sie sind nicht faul! Auch Marieluise Beck (DIE GRÜNEN) arbeitet ohne Rücksicht auf die Uhr.

Heute möchte ich Ihnen Frau Beck vorstellen. Sie ist seit 1983 mit Unterbrechungen für die Grünen im Bundestag. Seit 2005 ist sie Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und arbeitet für DIE GRÜNEN vorwiegend zu den Ländern Osteuropas, Zentralasiens und des westlichen Balkans. In diesem Artikel erfahren Sie mehr über ihre persönliche Bildungsvergangenheit und ihre bildungspolitischen Ziele.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Marieluise Beck: Ich Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Wir fordern, die Lehren aus der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu ziehen und sie mit der Klimakrise zusammen zu denken. Im Ergebnis treten wir für einen grünen neuen Gesellschaftsvertrag ein, der mit Investitionen in zukunftsfähige Technologien, Erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Energieeinsparung, Bildung, Pflege und Gesundheit die Aufgaben der Zukunft und den Klimawandel meistern hilft. Wir versprechen uns von diesem Green New Deal ca. 1 Mio. neue Arbeitsplätze in den nächsten vier Jahren.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/ Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Marieluise Beck: Ich wollte gerne meinem Vater in den Bereich der Zoologie und Biologie folgen. Meine Familie war sehr naturverbunden – ich ebenso.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Marieluise Beck: Ich habe Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde auf Lehramt studiert und einige Jahre als Lehrerin gearbeitet.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Marieluise Beck: Ich bin gerne im Kontakt mit Menschen und vor allem jungen Menschen.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Marieluise Beck: Ich habe ein sehr normales Studium erlebt.

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Marieluise Beck: Ja, ich würde diesen Weg wieder einschlagen.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Marieluise Beck: Ich mag die Tatsache, dass der Beruf immer wieder neue Erfahrungen mit sich bringt. Mich stört sehr, dass „die Politiker“ häufig einem Generalverdacht unterstellt werden.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Marieluise Beck: Kontaktfreudigkeit, Neugierde, Kommunikationsfähigkeit, die Bereitschaft, ohne Rücksicht auf die Uhr und private Vergnügen sehr viel zu arbeiten.

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Marieluise Beck: Dass wir alle Abzocker und Faulenzer wären, die nur zu ihrem eignen Vorteil agieren.

YOUNECT: Natürlich wollen wir auch etwas über Ihre politischen Ziele und Vorstellungen erfahren. Uns von YOUNECT interessieren dabei vor allem die Themen Berufsorientierung und Ausbildung.

Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Marieluise Beck: Bündnis 90/ Die Grünen halten die neben den Pflichtfächern angesetzten zwei Seminarkurse für Wissenschaftspropädeutik und für Berufs- und Studienorientierung im Grundsatz für richtig. Allerdings ist noch unklar, welche Konzepte an den einzelnen Schulen umgesetzt werden sollen.

Uns Grünen ist wichtig,

• dass die Beratung auch auf genderspezifische Aspekte eingeht (also das jeweilige Berufswahlspektrum behandelt)

• dass die Lehrkräfte über vertiefte interkulturelle Qualifikationen verfügen und • dass die Eltern einbezogen werden.

• Die Qualität der Kurse wird zudem stark von der Ausrichtung und der personellen Ausstattung abhängen.

Die diesbezüglichen Ankündigungen der Landesregierung stellen uns noch nicht zufrieden

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Marieluise Beck: Bündnis 90/ Die Grünen halten eine Stärkung der Berufsorientierung für notwendig und sinnvoll. Die sollte sowohl in der Jugendsozialarbeit stattfinden als auch in der gebundenen Ganztagsschule, in der alle Kinder und Jugendlichen mindestens bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen und dabei individuell gefördert werden. Dort setzen wir auf fächerübergreifenden Unterricht, Teams aus LehrerInnen, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen, die gemeinsam für die Schüler zuständig sind. Dabei ist dann auch mehr Raum als bisher für regelmäßige Kontakte und Projekte mit der regionalen Wirtschaft und eine qualifizierte Unterstützung bei der Berufsorientierung durch das gemischt-qualifizierte Schulteam.

Ein besonders gelungenes Projekt erscheint uns u. a. „KUMULUS – Bildungsberatung und Ausbildungsstellenvermittlung für Jugendliche mit Migrationshintergrund“ in Berlin. Zum Genderthema halten wir z. B. das Projekt „Neue Wege für Jungs“ für nachahmenswert.

Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK, Hans H. Driftmann, sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge. (siehe www.focus.de/panorama/vermischtes/lehrstellen-immer-weniger-auszubildende_aid_422114.html ) 1. Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Antwort: Das Problem ist uns selbstverständlich bekannt. Allerdings bedeutet diese zukünftige Entwicklung nicht, dass die SchulabgängerInnen dieses Jahres auf später vertröstet werden könnten. Für diese Jugendlichen müssen jetzt qualifizierende Angebote gemacht werden. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für August 2009 (Veröffentlichung am 1.9.2009) zeigen, dass zwar die Zahl der Suchenden sinkt, aber noch immer eine große Lücke im Angebot besteht: fast 100.000 suchende Jugendliche können sich derzeit auf gerade 65.000 angebotene Ausbildungsplätze bewerben. Für knapp 35.000 Jugendliche gibt es also im August 2009 noch nicht einmal rechnerisch einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Wenn sie jetzt kein Angebot bekommen, wird es mit der Zeit immer schwieriger werden, sie wieder in den Qualifizierungs- und später in den Arbeitsprozess zu integrieren.

Die Frage nach den Ansprechpartnern in den Betrieben können Ihnen nur die regionalen Kammern beantworten. Mit den Verantwortlichen können Sie dann sowohl die derzeitige Lücke wie auch den absehbaren Mangel besprechen.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Marieluise Beck: Wir Grüne haben in unserem Modell DualPlus vorgeschlagen, Betriebe und Schulen durch die überbetrieblichen Ausbildungsstätten als dritten Lernort zu unterstützen und zu entlasten. Dort können zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden, insbesondere bei Unternehmen ohne Ausbildungstradition, bei kleinen Betrieben oder bei sehr spezialisierten Betrieben. Denn diese müssen nicht die Verantwortung für eine komplette Ausbildung übernehmen, sondern können auch einzelne Module anbieten. Diese bundesweit anerkannten Module strukturieren die gesamte Berufsausbildung neu.

In den Branchen, in denen unterproportional ausgebildet wird, sollen die Ausbildungskosten durch regionale oder branchenspezifische verpflichtende Umlagesysteme besser zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben verteilt werden. Bereits in der Schule muss die Berufsorientierung einen größeren Stellenwert bekommen und muss geschlechtsspezifische wie auch kulturell beeinflusste Auswahlperspektiven hinterfragen.