Jugend- und hochschulpolitischer Sprecher Kai Gehring im Interview mit YOUNECT

Als jugend- und hochschulpolitischer Sprecher setzt sich auch Grünen-Politiker Kai Gehring für Deutschlands beruflichen Nachwuchs ein. Wir freuen uns sehr darüber, dass auch er sich die Zeit genommen hat, unsere Fragen zu seinem persönlichen Bildungsweg und seinen bildungspolitischen Zielen beantwortet hat. Nachfolgend können Sie seine ausführlichen und interesanten Antworten lesen:

YOUNECT: Bitte stellen Sie sich doch kurz vor: Wie heißen Sie? Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Kai Gehring: Mein Name ist Kai Gehring, ich bin Sozialwissenschaftler und Mitglied des Deutschen Bundestages seit der Wahl 2005. In der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/ Die Grünen bin ich seitdem jugend- und hochschulpolitischer Sprecher und kümmere mich um die Chancen und Perspektiven von Jugendlichen und Studierenden sowie die Belange der jungen und künftigen Generationen.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Kai Gehring: Seit 1998 gehöre ich der Partei Bündnis 90/Die Grünen an, da mich deren Ziele und Visionen überzeugen. In unserem grünen neuen Gesellschaftsvertrag verbinden wir Klima, Gerechtigkeit und Freiheit. Wir wollen in den kommenden 4 Jahren 1 Mio. neue Jobs durch gezielte Investitionen in Klimaschutz, neue Technologien, Bildung und im Gesundheitssektor schaffen. Wir kämpfen für konsequenten Klima- und Umweltschutz, damit die Erderwärmung auf unter 2 Grad begrenzt wird. Daneben sorgen wir für soziale Gerechtigkeit – u.a. durch gesetzliche Mindestlöhne von mindestens 7,50 €, die Anhebung des Arbeitslosengeldes II und eine Bürgerversicherung im Gesundheitssystem. Durch gerechte Globalisierung, fairen Handel und bessere Entwicklungszusammenarbeit werden wir Hunger und Armut in der Welt bekämpfen. Wir halten zudem fest am Atomausstieg und wollen in der kommenden Legislaturperiode 8 Atomkraftwerke abschalten. Unser Ziel: Bis 2040 decken wir den Energiebedarf durch erneuerbare Energie, fördern Energieeffizienz und Energiesparen. Wir wollen investieren in bessere Bildung – und so niemanden zurück lassen: Um für alle Kinder gleiche Bildungschancen zu verwirklichen, wollen wir längeres gemeinsames Lernen in Schulen und keine Studiengebühren an den Hochschulen. Als Bürgerrechtspartei schützen wir deine Privatsphäre, auch im Internet – und wehren uns gegen Datenschnüffelei. Die Verbraucherrechte zu stärken ist uns ein wichtiges Ziel, Gentechnik auf Tellern und Äckern lehnen wir ab. Darüber hinaus wollen wir für Frauen gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit und mehr Führungspositionen. Nicht zuletzt ist eine friedliche Welt ohne Atomwaffen unser Ziel, in der es Vorrang für Konfliktprävention und zivile Konfliktlösung, aber keine Wehrpflicht mehr gibt.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/ Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Kai Gehring: Ein Traumberuf war für mich lange Zeit Auslandkorrespondent oder Reiseleiter, da mich fremde Länder und Kulturen schon früh interessiert und fasziniert haben.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Kai Gehring: Ich habe mich für ein Studium der Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum entschieden, da mich sozialer Wandel und das Miteinander der Generationen genauso interessiert haben wie politische und volkswirtschaftliche Prozesse.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Kai Gehring: Für den Beruf Sozialwissenschaftler habe ich mich entschieden, da eine Vielzahl an Berufsbereichen damit verbunden ist und mich soziale und politische Probleme und deren Lösungen stets interessiert haben. Daher helfen mir in meiner Funktion als Berufspolitiker/ Bundestagsabgeordneter zahlreiche Erkenntnisse aus dem Studium.

YOUNECT: Wie haben Sie ihre Ausbildung erlebt? Fällt Ihnen vielleicht eine Besonderheit oder eine Anekdote aus ihrer Ausbildungszeit ein?

Kai Gehring: Jede Ausbildung hat Höhen und Tiefen, macht mal Spaß und manchmal einfach nur Stress. Alles in allem habe ich aber nie bereut, Sozialwissenschaft studiert zu haben. Die größte Hürde war für mich die Vordiplomsklausur Statistik – Mathematik gehört nicht zu meinen Stärken.

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Kai Gehring: Ja, ich würde den gleichen beruflichen Weg wieder anstreben – ich bereue nichts.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Kai Gehring: Als Mitglied des deutschen Bundestages übernimmt man einen sehr verantwortlichen und spannenden Beruf, der Berufung sein muss. Mir macht Spaß, dass ich etwas bewegen, die Politik und Gesellschaft verändern kann und mit vielen Menschen in Kontakt komme. Manchmal stören mich der Freizeitmangel, den eine 90-Stunden-Woche mit sich bringt, und das miserable Image, das Politiker innehaben.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Kai Gehring: Menschen, die sich für ihre Mitmenschen gerne engagieren, die Geduld, (Fach-) Kompetenz, Augenmaß, Durchsetzungsstärke, Kompromissfähigkeit und Leidenschaft mitbringen – und vor allem: die sehr viel Spaß an Politik haben.

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Kai Gehring: Die allermeisten Vorurteile gegenüber Berufspolitikern stimmen nicht. Wie überall reicht aber ein „schwarzes Schaf“, dessen Fehlverhalten (z.B. eine Dienstwagen-Affäre) dann der ganzen Gruppe zugeschrieben wird. Besonders daneben ist der Faulheitsvorwurf, die allermeisten Kollegen ackern jeden Tag von früh morgens bis spät abends.

YOUNECT: Natürlich möchten wir auch etwas über Ihre politischen Ziele und Pläne erfahren. Da YOUNECT Jugendlichen Berufsorientierung bietet, sie bei ihrer Berufswahl unterstützt und in Ausbildungsverhältnisse vermittelt, interessiert uns natürlich Ihre Einstellung zum Thema “Berufsorientierung und Ausbildung”. Im Rahmen der aktuellen Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die berufliche Ausbildung wurden Experten der beruflichen Bildung aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen befragt. Mehr als die Hälfte der Experten teilt die Auffassung, dass es zukünftig zu einer stärkeren Diversifizierung der Ausbildungslandschaft in Deutschland kommen wird. Die Ursache sehen die Experten in der zunehmenden Modularisierung und der steigenden Konkurrenz mit den Hochschulen sowie in der Zunahme betriebspraktischer Anteile in vollzeitschulischen Ausbildungsgängen.

Aus unserer Sicht wird dadurch auch zukünftig ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot für Schüler und Schulabgänger unbedingt nötig sein. Was halten Sie beispielsweise von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Kai Gehring: Bündnis 90/ Die Grünen halten die neben den Pflichtfächern angesetzten zwei Seminarkurse für Wissenschaftspropädeutik und für Berufs- und Studienorientierung im Grundsatz für richtig. Allerdings ist noch unklar, welche Konzepte an den einzelnen Schulen umgesetzt werden sollen. Uns Grünen ist wichtig, dass die Berufsberatung und -orientierung auch auf genderspezifische Aspekte eingeht – also das jeweilige Berufswahlspektrum von jungen Frauen und Männern behandelt und erweitert –, dass die Lehrkräfte über vertiefte interkulturelle Qualifikationen verfügen und dass die Eltern einbezogen werden. Die Qualität der Kurse wird zudem stark von der Ausrichtung und der personellen Ausstattung abhängen. Die diesbezüglichen Ankündigungen der Landesregierung stellen uns noch nicht zufrieden.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Kai Gehring: Bündnis 90/ Die Grünen halten eine Stärkung der Berufsorientierung für notwendig und sinnvoll. Sie sollte sowohl in der Jugendsozialarbeit stattfinden als auch in der gebundenen Ganztagsschule, in der alle Kinder und Jugendlichen mindestens bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen und dabei individuell gefördert werden. Dort setzen wir auf fächerübergreifenden Unterricht, Teams aus LehrerInnen, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen, die gemeinsam für die SchülerInnen zuständig sind. Dabei ist dann auch mehr Raum als bisher für regelmäßige Kontakte und Projekte mit der regionalen Wirtschaft und eine qualifizierte Unterstützung bei der Berufsorientierung durch das gemischt-qualifizierte Schulteam.

Ein besonders gelungenes Orientierungsprojekt erscheint uns u. a. „KUMULUS – Bildungsberatung und Ausbildungsstellenvermittlung für Jugendliche mit Migrationshintergrund“ in Berlin. Zum Genderthema halten wir z. B. das bundesweite Projekt „Neue Wege für Jungs“ für nachahmenswert.

YOUNECT: Schon lange beschäftigen sich nicht mehr nur Wissenschaftler, Journalisten und Politiker mit dem aktuellen und zukünftigen Bewerbermangel. Die ZEIT schrieb im Juni 2008, dass es bis 2020 bis zu 170.000 Schulabgänger pro Jahr weniger geben wird – das bedeutet ein Drittel weniger potentielle Auszubildende. Der Präsident des DIHK sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS, trotz Krise fehle es nicht an Lehrstellen, sondern an Bewerbern. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sinkt die Anzahl der Lehrstellenbewerber schneller als die der Ausbildungsplätze – auch jetzt in der Krise. Die Bewerberzahl schrumpft damit bereits das dritte Jahr in Folge. (siehe FOKUS )

Ist Ihnen dieses Problem bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Kai Gehring: Das Problem ist uns selbstverständlich bekannt. Allerdings bedeutet diese zukünftige Entwicklung nicht, dass die SchulabgängerInnen dieses Jahres auf später vertröstet werden können und in einer Warteschleife statt in guter Ausbildung landen. Für diese Jugendlichen müssen jetzt qualifizierende Angebote gemacht werden. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für August 2009 (Veröffentlichung am 1.9.2009) zeigen, dass zwar die Zahl der Suchenden sinkt, aber noch immer eine große Lücke im Angebot besteht: fast 100.000 suchende Jugendliche können sich derzeit auf gerade 65.000 angebotene Ausbildungsplätze bewerben. Für knapp 35.000 Jugendliche gibt es also im August 2009 noch nicht einmal rechnerisch einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Wenn sie jetzt kein Angebot bekommen, wird es mit der Zeit immer schwieriger werden, sie wieder in den Qualifizierungs- und später in den Arbeitsprozess zu integrieren.

Die Frage nach den Ansprechpartnern in den Betrieben können Ihnen nur die regionalen Kammern beantworten. Mit den Verantwortlichen können Sie dann sowohl die derzeitige Lücke wie auch den absehbaren Mangel besprechen.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Kai Gehring: Wir Grüne haben in unserem Modell DualPlus vorgeschlagen, Betriebe und Schulen durch überbetriebliche Ausbildungsstätten als dritten Lernort zu unterstützen und zu entlasten. Dort können zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden, insbesondere bei Unternehmen ohne Ausbildungstradition, bei kleinen oder sehr spezialisierten Betrieben. Denn diese müssen nicht die Verantwortung für eine komplette Ausbildung übernehmen, sondern können auch einzelne Module anbieten. Diese bundesweit anerkannten Module strukturieren die gesamte Berufsausbildung neu, ohne das Berufsprinzip aufzugeben.

In den Branchen, in denen unterproportional ausgebildet wird, sollen die Ausbildungskosten durch regionale oder branchenspezifische verpflichtende Umlagesysteme besser zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben verteilt werden. Bereits in der Schule muss die Berufsorientierung einen größeren Stellenwert bekommen und muss geschlechtsspezifische wie auch kulturell beeinflusste Auswahlperspektiven hinterfragen.

YOUNECT: Vielen Dank Herr Gehring für interessante und anregende Antworten auf unsere Fragen. YOUNECT wünscht Ihnen für die Zukunft alles Gute!