Undine Kurth von den Grünen im Interview mit YOUNECT

Undine KurthNach einer kurzen Pause geht es ab heute wieder weiter mit unseren Befragungen. Heute dabei Undine Kurth von BÜNDNIS 90/Die Grünen. Sie Berichtet aus Ihrem politischen Leben.

YOUNECT: Bitte stellen Sie sich doch kurz vor: Wie heißen Sie? Wer sind Sie? In welchem Beruf arbeiten Sie? Welche Position besetzen Sie genau?

Undine Kurth: Ich heiße Undine Kurth und bin seit 2002 bündnisgrünes Mitglied des Deutschen Bundestages für das Land Sachsen-Anhalt und parlamentarische Geschäftsführerin. Für meine Fraktion bin ich Obfrau im Ausschuss für Kultur und Medien und Sprecherin für Natur- und Tierschutz. Von Beruf bin ich Diplom-Innenarchitektin.

YOUNECT: Welcher Partei gehören Sie an und was sind deren wichtigste Ziele?

Undine Kurth: Ich bin Mitglied von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Uns geht’s ums Ganzeweil alles mit allem zusammenhängt und man nicht ungestraft nur ein Interesse verfolgen kann. Unsere zentralen Ziele sind: Klima – Arbeit – Gerechtigkeit – Freiheit.

YOUNECT: Als Sie Kind waren, hatten Sie sicher einen Berufswunsch/ Traumberuf. Welcher war das und was machte für Sie den Reiz an diesem Beruf aus?

Undine Kurth: Ich wollte Tierärztin werden.

YOUNECT: Für welchen Berufsweg haben Sie sich dann entschieden? Haben Sie diesen Beruf in einer Ausbildung oder in einem Studium erlernt? Oder Sind Sie ein Quereinsteiger?

Undine Kurth: Mit dem Abitur zusammen bin ich Krankenschwester geworden und habe nach ein paar Jahren in diesem Beruf Innenarchitektur und Design studiert .In der Politik bin ich eine sogenannte Quereinsteigerin – schließlich hab ich mir in der DDR absolut nicht vorstellen können, in die Politik zu gehen.

YOUNECT: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschieden haben?

Undine Kurth: Interesse und Talent

YOUNECT: Wenn Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen und Kenntnissen noch einmal als Jugendlicher beginnen könnten, würden Sie den gleichen beruflichen Weg wieder einschlagen oder etwas ändern?

Undine Kurth: Sicher nicht genau so, da ich heute ganz andere Möglichkeiten hätte, mich international umzuschauen. Vermutlich würde ich mich heute für eine internationale Naturschutzarbeit engagieren.

YOUNECT: Was ist Ihrer Meinung nach gut an Ihrem Beruf? Und was stört Sie?

Undine Kurth: An meinem jetzigen Beruf als Politikerin gefällt mir, dass man gestalten und Einfluss nehmen kann. Dass ich nicht die ganze Welt retten kann, das stört mich.

YOUNECT: Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen? Was müsste diese Person mitbringen?

Undine Kurth: Das kann ich nicht wirklich beantworten, da Menschen sehr, sehr unterschiedlich sind und so viele unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen.

YOUNECT: Gibt es Vorurteile über ihren Berufszweig, mit denen Sie gern aufräumen würden?

Undine Kurth: Dass Politiker faul und gierig seien. Wenn es so einfach wäre, müssten wir ja irgendwie auch viel mehr Bewerber und Bewerberinnen für alle möglichen politischen Ämter haben. Ist aber nicht so. Macht halt doch zu viel Arbeit.

YOUNECT: Wir denken, dass zukünftig ein immer umfassenderes Informations- und Beratungsangebot für Schüler und Schulabgänger unbedingt nötig sein wird. Was denken Sie darüber? Wer sollte diese Aufgaben wahrnehmen? Und was halten Sie von der Online-Plattform YOUNECT, die Jugendlichen eben diese Hilfestellungen geben möchte?

Undine Kurth: Bündnis 90/Die Grünen begrüßen die Initiative zur Schaffung eines umfassenden Informations- und Beratungsangebotes für Schülerinnen und Schüler sowie Schulabgängerinnen und -gänger. Grundsätzlich sehen wir die Aufgabe direkt bei den Schulen die Schülerinnen und Schüler bereits vor dem Schulabgang ausführlich zu informieren. Als zweite Instanz muss die Bundesagentur für Arbeit ein entsprechendes Beratungsangebot bereitstellen. Aber auch gemeinnützige Plattformen können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das muss aber im Einzelfall betrachtet und bewertet werden.

YOUNECT: Was halten Sie von der Einführung eines verpflichtenden Schulfaches zur Berufsorientierung, das zukünftig bayrische Gymnasiasten bei der Berufswahl unterstützen soll?

Undine Kurth: Bündnis 90/ Die Grünen halten die neben den Pflichtfächern angesetzten zwei Seminarkurse für Wissenschaftspropädeutik und für Berufs- und Studienorientierung im Grundsatz für richtig. Allerdings ist noch unklar, welche Konzepte an den einzelnen Schulen umgesetzt werden sollen.
Uns Grünen ist wichtig,

– dass die Beratung auch auf genderspezifische Aspekte eingeht (also das jeweilige Berufswahlspektrum behandelt)
– dass die Lehrkräfte über vertiefte interkulturelle Qualifikationen verfügen und
– dass die Eltern einbezogen werden.
– Die Qualität der Kurse wird zudem stark von der Ausrichtung und der personellen Ausstattung abhängen.

Die diesbezüglichen Ankündigungen der Landesregierung stellen uns noch nicht zufrieden.

YOUNECT: Welche Angebote zur Berufsorientierung sollte es für Jugendliche außerdem (oder stattdessen) geben? Kennen Sie andere Projekte, Stiftungen, Vereine oder Unternehmen, die Jugendliche bei dieser Aufgabe unterstützen?

Undine Kurth: Bündnis 90/ Die Grünen halten eine Stärkung der Berufsorientierung für notwendig und sinnvoll. Die sollte sowohl in der Jugendsozialarbeit stattfinden als auch in der gebundenen Ganztagsschule, in der alle Kinder und Jugendlichen mindestens bis zur 9. Klasse gemeinsam lernen und dabei individuell gefördert werden. Dort setzen wir auf fächerübergreifenden Unterricht, Teams aus LehrerInnen, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen, die gemeinsam für die Schüler zuständig sind. Dabei ist dann auch mehr Raum als bisher für regelmäßige Kontakte und Projekte mit der regionalen Wirtschaft und eine qualifizierte Unterstützung bei der Berufsorientierung durch das gemischtqualifizierte

Schulteam. Ein besonders gelungenes Projekt erscheint uns u. a. „KUMULUS – Bildungsberatung und Ausbildungsstellenvermittlung für Jugendliche mit Migrationshintergrund“ in Berlin. Zum Genderthema halten wir z. B. das Projekt „Neue Wege für Jungs“ für nachahmenswert.

YOUNECT: Ist Ihnen das Problem des Bewerbermangels auf dem Ausbildungsmarkt bekannt? Kennen Sie selbst vielleicht auch Ausbildungsbetriebe, die ihre Ausbildungsplätze (noch) nicht besetzten konnten? Wer wäre für uns der richtige Ansprechpartner in diesem Unternehmen, der sich diesem Problem widmet?

Undine Kurth: Das Problem ist uns selbstverständlich bekannt. Allerdings bedeutet diese zukünftige Entwicklung nicht, dass die SchulabgängerInnen dieses Jahres auf später vertröstet werden könnten. Für diese Jugendlichen müssen jetzt qualifizierende Angebote gemacht werden. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für August 2009 (Veröffentlichung am 1.9.2009) zeigen, dass zwar die Zahl der Suchenden sinkt, aber noch immer eine große Lücke im Angebot besteht: fast 100.000 suchende Jugendliche können sich derzeit auf gerade 65.000 angebotene Ausbildungsplätze bewerben. Für knapp 35.000 Jugendliche gibt es also im August 2009 noch nicht einmal rechnerisch einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Wenn sie jetzt kein Angebot bekommen, wird es mit der Zeit immer schwieriger werden, sie wieder in den Qualifizierungs- und später in den Arbeitsprozess zu integrieren. Die Frage nach den Ansprechpartnern in den Betrieben können Ihnen nur die regionalen Kammern beantworten. Mit den Verantwortlichen können Sie dann sowohl die derzeitige Lücke wie auch den absehbaren Mangel besprechen.

YOUNECT: Was werden Sie und Ihre Partei gegen das Problem des Ungleichgewichts von Bewerbern und Ausbildungsplätzen tun? Was werden Sie für eine bessere Berufsorientierung tun?

Undine Kurth: Wir Grüne haben in unserem Modell DualPlus vorgeschlagen, Betriebe und Schulen durch die überbetrieblichen Ausbildungsstätten als dritten Lernort zu unterstützen und zu entlasten. Dort können zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden, insbesondere bei Unternehmen ohne Ausbildungstradition, bei kleinen Betrieben oder bei sehr spezialisierten Betrieben. Denn diese müssen nicht die Verantwortung für eine komplette Ausbildung übernehmen, sondern können auch einzelne Module anbieten. Diese bundesweit anerkannten Module strukturieren die gesamte Berufsausbildung neu. In den Branchen, in denen unterproportional ausgebildet wird, sollen die Ausbildungskosten durch regionale oder branchenspezifische verpflichtende Umlagesysteme besser zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben verteilt werden. Bereits in der Schule muss die Berufsorientierung einen größeren Stellenwert bekommen und muss geschlechtsspezifische wie auch kulturell beeinflusste Auswahlperspektiven hinterfragen.