Ausbildungsbetriebe, seid ihr reif zur Azubi-Gewinnung und zum Employer Branding?

Im aktuellen „HR kompakt“ von meinestadt.de erscheint folgender Artikel „Ausbildungsbetriebe, seid ihr reif zur Azubi-Gewinnung und zum Employer Branding?“ von mir. Sie können sich online das  Heft „HR kompakt“ bestellen, auch mehrfach bis zu 3 Stück für Kollegen und Freunde.

Alt, satt und behäbig?

Es war einmal: In der Schule lernten Jungen und Mädchen Lesen, Schreiben und Rechnen. Das ist keine Märchenstunde. So war es wirklich!“ So beginnt der Kommentar von Ernst Elitz in der BILD am 04.03.2010. Wie kann ein Unternehmen oder Verband reagieren, wenn jeder zweite Schulabgänger in Deutschland als „nicht ausbildungsreif“ bezeichnet wird? (03.03.2010 bild.de, heute.de, n-tv.de)

Die Brüsseler Denkfabrik CEPS ermahnt uns alle, Deutschland sei „alt, satt und behäbig“, es gäbe zu viele Schulabbrecher und zu wenige Uni-Absolventen. CEPS meint, die nächste Generation drohe deshalb „zum Land der Hilfsarbeiter“ zu werden. Auch die Bundesregierung fordert mehr Schüler zum Studium auf, damit mehr Deutsche die Unis als Absolventen verlassen.

Bleiben Schüler für Sie übrig?

Die Schülerzahlen sinken um 18 Prozent. 47,3 Prozent werden als nicht ausbildungsreif bezeichnet. 21,7 Prozent der Ausbildungsverträge werden vorzeitig aufgelöst. Immer mehr Schüler bevorzugen ein (Duales) Studium. Rechnerisch bleiben keine Schüler mehr für Ihre Ausbildung übrig. Rechnerisch steht der Sinkflug der Anzahl der Schulabgänger seit 15 Jahren fest. War das zu knapp?

Oder was haben Sie getan? Oder Ihre Volksvertreter, Ihre IHK und Handwerkskammer? Haben Sie auch Angst oder schon resigniert? „Es gibt Zahlen, die können Angst machen. Es kommt etwas auf uns zu, was es so noch nie gegeben hat. Wir werden einen starken Wettkampf zwischen Studium und Ausbildung erleben. Azubis werden ein knappes Gut und knappe Güter sind teuer.“ (27.01.2010 AZ-Web.de Aachener Zeitung)

Krötenwanderung

Halten Sie Ihre Kröten beisammen, um die letzten der Spezies ausbildungsreife Azubis teuer zu bezahlen? Oder haben Sie sich an der Kampagne des ZDHs beteiligt? Der Imagefilm hat eine Million Euro gekostet. Das erklärte Ziel der Kampagne: „Vor allem junge Menschen auf die Ausbildung in einem Handwerksberuf aufmerksam machen“ (HWK Münster) und „ Jugendliche begeistern“ (Kreishandwerkerschaft Paderborn). Die Kommentare zum Film auf YouTube klingen gar nicht nach Schülern, sondern nach begeisterten Handwerkern.

Sind Sie reif?

Haben Sie eine schlüssige Strategie, Schüler zu erreichen? Steht die Zielgruppe der Schüler im Zentrum Ihrer Strategie? Hand aufs Herz, sind Sie reif zur Gewinnung von passenden Auszubildenden? Sind Sie in der Lage, passende Schüler erfolgreich zu suchen, finden und gewinnen? Oder geht es Ihnen wie dem Floristen in Hamburg, der 2009 über 600 Bewerbungen bekam, aber nur 3 seiner 6 Ausbildungsplätze besetzen konnte?

Wo finden Sie Azubis?

If Your Kids Are Awake, They’re Probably Online.” (20.01.2010 New York Times) und “82% of Teens Watch TV Online and 48% Watch TV on Cell Phones.” (24.02.2010 newcommbiz.com)

Kommunizieren Sie?

Es geht im „Web 2.0“ und in den „Social Media“ nicht mehr um einzelne Websites wie beispielsweise werd-busfahrer.de, starke-typen.info oder back-dir-deine-zukunft.de, sondern um Kommunikation. Präsentieren Sie sich im Web oder nutzen Sie das Internet zur Kommunikation mit Schülern?

Ja, Kommunikation. Das ist der Dreh- und Angelpunkt im Internet. Reden und zuhören, präsentieren und kommentieren, Ratschläge geben und Feedback hören. Begeistern und begeistert werden. Erst wenn Sie das tun, kommt die nächste Stufe dran: Wie erreichen Sie eine Kommunikation mit den Schülern, die zu Ihnen passen, zu Ihrem Ausbildungsberuf, Ihren Anforderungen, Ihrem Betrieb und Ihrer Unternehmenskultur?

Gackern  Schüler über Sie?

Wen erreichen Sie als Bewerber? Die Schüler reden den ganzen Tag miteinander. Wie reden Schüler über Sie? Reden sie überhaupt über Ihr Berufsbild und Ihr Unternehmen? Die Wahrscheinlichkeit geht ehrlich gesagt gegen Null. Bevor Schüler über Sie reden können, müssen Sie mit den Schülern kommunizieren. Oder wie sagte Henry Ford: „Enten legen ihre Eier in Stille. Hühner gackern dabei wie verrückt. Was ist die Folge? Alle Welt ißt Hühnereier.“ Gackern Sie mit Schülern oder halten Sie es mit den Gänsen?

Massen

Schüler stehen Massen von Angeboten gegenüber, die sie größtenteils gar nicht kennen können: 350 Ausbildungsberufe und 2000 Studiengänge in 301 Landkreisen und 510 Städten mit über 20.000 Einwohnern, 269 JOBSTARTER-Projekte und 352 MINT-Initiativen, Universitäten in ganz Europa und der weiten Welt. Von den 350 Ausbildungsberufen kennen Schüler, Eltern und Lehrer durchschnittlich 10-20 Berufe. Wie viele Ausbildungsberufe kennen Sie selbst? Und was meinen Sie, wie viele Ausbildungsbetriebe die Schüler, Eltern und Lehrer kennen? Sind Sie dabei?

Schüler entscheiden sich häufig für die Berufe, die allen bekannt sind. Sie vertrauen blind der Masse, die wird es schon wissen. Mit dem großen Angebot sind fast alle überfordert. Auch das Image der Berufe ist wichtig: Der angesagte Medienkaufmann erhält deutlich mehr Bewerbungen als der „biedere ‚Verlagskaufmann‘. Menschen suchen sich nicht nur eine Arbeit, die sie interessiert, sondern auch einen Job, bei dem das Image stimmt.“ (02.03.2010, SZ)

Stimmt Ihr Image?

Stimmt Ihr Image? Kennen Sie Ihr Image überhaupt? Haben Sie es bewusst gewählt oder wurde es Ihnen gegeben? Bietet Ihr Image den Schülern Orientierung? „Genauso wie Berufserfahrene möchten junge Menschen wissen, was das Unternehmen als Arbeitgeber ausmacht, was es von anderen unterscheidet und ob sie kulturell und persönlich überhaupt zu ihm passen. Darüber klar und ehrlich zu orientieren, kann die Präferenzbildung auf der Suche nach dem passenden Ausbildungsplatz entscheidend beeinflussen.”, so Wolf Reiner Kriegler von der DEBA: „Sich als ‚Employer of Choice‘ zu positionieren ist übrigens kein Privileg der Konzerne.“ Die DEBA startet gerade die Initiative „KMU als attraktiver Arbeitgeber“.

Berufe schmackhaft machen

Dass den Betrieben nicht genügend Bewerber zur Verfügung stehen, liegt nach Meinung von Gregor Berghausen, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung an der Industrie- und Handelskammer zu Köln, auch daran, dass Lehrstellen an Attraktivität verlieren. (spiegel.de 04.03.2010) KMUs stellen 70 Prozent der deutschen Arbeitsplätze und 80 Prozent aller Ausbildungsplätze. Die Welt muss es nur erfahren. Dann sagt die Welt es auch weiter. Dringen Sie in die Kommunikation der Schüler vor? Positionieren Sie sich unter Schülern? Machen Sie Ihre Berufe schmackhaft? Was gibt es über Sie zu gackern?

Zwei Paukenschläge

Laut der „Shell-Jugendstudie“ gewinnen seit 2002 Werte wie Fleiß, Ehrgeiz, Unabhängigkeit, Gesetz und Ordnung unter Jugendlichen signifikant. Und: „Wir vermuten, dass sich dieser Trend 2010 verstärkt“, sagt Forschungsleiter Klaus Hurrelmann. In einer anderen aktuellen Studie unter 1300 Schülern stimmten  83 Prozent der 18- und 19-Jährigen zu, dass Dieter Bohlens Kritik fair sei, auch wenn er Kandidaten persönlich verletze. „Viele Jugendliche durchschauen zwar die Inszenierung solcher Reality-Shows, doch mindert das nicht deren Bedeutung als Orientierungsmaßstab.“ (FOCUS 9/2010)

Tragen Sie zur Orientierung bei?

Das können Sie tun:

  • Nehmen Sie Schüler ernst.
  • Bieten Sie Herausforderung und Orientierung.
  • Reden Sie mit Schülern – real und digital.
  • Bauen Sie Beziehungen auf.
  • Statt Hauruckaktionen suchen Sie kontinuierliche Begegnungen.
  • Gehen Sie dahin, wo Schüler schon sind.
  • Klären Sie Ihre Werte im Unternehmen und suchen Sie die passenden Bewerber.
  • Bieten Sie Anreize.
  • Stellen Sie Ihr Alleinstellungsmerkmal heraus.
  • Machen Sie sich einzigartig.

Bewusst oder unbewusst will jeder Mensch wissen: „WaBriMiDa?“ Sagen Sie Schülern auf den Punkt genau, was Sie zu bieten haben. Die Auswahl, die der Schüler hat, ist riesig. Was unterscheidet Sie? Was macht Sie besonders? Was zeichnet Sie aus? Was hat der Schüler davon, bei Ihnen zu lernen?