Geplant schlechter werden, denn Verzicht gibt! Überraschend Unordnung schaffen und Chaos stiften

Statiker oder Dynamiker? Eine der Kernfragen in dem neuen Buch von Anja Förster & Peter Kreuz. „Statiker hängen einem Weltbild an, in dem Veränderung im Kern eine Bedrohung darstellt.“ (S.232)  Menschen haben die „Neigung, an Bewährtem festzuhalten“ und „frühere Verhaltensweisen zu wiederholen.“ (S.223) Wiederholung schafft Bekanntes, Bekanntes ist gewohnt. Gewohnheit schafft Identifikation, Stabilität und Sicherheit. Was sich bewährt hat, wurde schon getestet und für gut befunden. Vertrautem wird schon lange vertraut. „Im Alten steckt unsere Identifikation… Gutes gibt man nicht einfach auf für Unbekanntes.“ (Heinrich v. Pierer; Bolko v. Oetinger) Gutes wird haltbar gemacht, konserviert und weitergegeben, also tradiert. Traditionen und deren Wiederholung schaffen Systeme, die perfekt aufeinander eingespielt sind. Je länger die Systeme in sich geschlossen laufen, desto besser stützen und bestätigen sie sich gegenseitig. Gewohnheiten schleifen sich ein, es läuft wie geschmiert. Wer wollte ernsthaft Sand im Getriebe? Wer wollte pausenlos alles hinterfragen? Und „wer will schon Widerstand, Konflikte, permanente Reibung?“ (S.212)

Gewohnheit bietet Statik, nicht aus Stahl und Beton, aber aus Gedanken, Urteilen, Vorurteilenm, mentalen Modellen, Absprachen und Regeln. „Die Gewohnheit ist ein Seil, wir weben jeden Tag einen Faden, und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen.“ (aus „Jenseits vom Mittelmaß„) Ursprünglich sinnvolle Gewohnheiten und Regeln werden zu sinnentleerten Selbstläufern. Grundsätzlich sinnvolle Urteile erstarren zu Vorurteilen. Es gibt ängstliche Bewahrer, die Neues ausblenden, um an bewährter Ordnung und Sicherheit festzuhalten. Neben diesen „Statikern“ (S.232) gibt es aber auch Innovationsverlierer, die Neues verhindern, um ihre eigenen bestehenden Privilegien zu erhalten. Diese Bewahrer, Statiker und Innovationsverlierer beschneiden neue Chancen genauso wie unsere eigenen Überzeugungen, die unser Gehirn mit fertigen Urteilen und Systemen belegen.

Hermann Scherers These bei seinem Vortrag zum Thema „Chancenintelligenz“ am Mittwoch in Braunschweig: „Viele Chancen sehen wir gar nicht. Und die, die wir sehen, lassen wir viel zu häufig ungenutzt verstreichen.“ Gut für andere, denn „Chancen gehen nie verloren. Sie werden bloß von anderen genutzt!“ Jeder Mensch hat vorgefertigte Bilder und Branchendogmen im Kopf, die auf alten Meinungen, vor gefassten Erfahrungen und Branchenstandards beruhen. Neue Projekte werden nur realisiert, wenn vorhandene Überzeugungen hinterfragt und etablierte Konzepte konsequent in Frage gestellt werden. Darin liegt die Quelle des Neuen. Raus aus dem eigenen Gedanken-Beton. Das sind die „Dynamiker“ nach Förster & Kreuz in „Nur Tote bleiben liegen„: „Dynamiker vertrauen auf die unbegrenzten Möglichkeiten von Versuch, Irrtum und Lernen.“ (S.232)

„Geplant schlechter werden“ nannte Hermann Scherer eine Quelle für Dynamiker. Schlechter werden? Wollen wir nicht alle besser werden? Förster & Kreuz stärken Scherers These: „Durschlagende Erfolge kommen … dass man Dinge weglässt, die allgemein üblich waren, und reduziert, was als Mindeststandard galt.“ (S.231) Scherer, Förster & Kreuz verweisen auf IKEAs Welterfolg, der darauf basiert, „Beratung und Service beim Möbelkauf drastisch zu reduzieren.“ (S.231) Dasselbe Prinzip macht Deichmanns Schuhgeschäfte, Starbucks und Vapiano erfolgreich: Selbstbedienung. Eine andere Selbst-Reduzierung bieten dm-Drogeriemärkten: Keine Zigaretten und kein Alkohol im Angebot. „Wie sagte der Philosoph Martin Heidegger: ‚Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt.'“ (S.232)

Wenn du etwas haben willst, dass du noch nie hattest, musst du etwas tun, dass du noch nie getan hast!

Und wenn gar nichts mehr geht: „Chaos stiften“, sagt Hermann Scherer. Überraschend Unordnung schaffen, damit sich etwas ändern kann. Aus der Fassung bringen.  Je fester das gewachsene System aus Gewohnheiten, desto größer muss die Unordung sein, die die Ordnung sprengt. Gestern erinnerte Leipzig mit einem Lichtfest an die entscheidende Montagsdemonstration vom 09. Oktober 1989. Die friedlichen Demonstrationen waren für das Regime der DDR ein Paradoxon, friedliche Proteste stifteten Chaos. 21 Jahre später protestierten gestern 25.000 Menschen friedlich gegen eine Verlängerung der Atomkraftnutzung mit einer zehn Kilometer langen Menschenkette in München. Es war die größte Anti-Atomkraft-Demo in München seit 1985. Die seit Monaten fast immer friedlichen Demonstrationen in Stuttgart haben erreicht, dass Stuttgart 21 längst kein regionales Thema mehr ist, sondern bundesweite Ausstrahlung hat. Laut Fokus und Umfrage vom Emnid ist fast jeder zweite Deutsche gegen das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21.“Einmischung ist urdemokratisch“, sagt der Berliner Protestforscher Rucht. Damit ist allerdings überhaupt nicht gesagt, wer bei „Stuttgart 21″ die „Statiker“ und „Dynamiker“ ausmachen. Steffen Bilger, MdB kommentiert dazu in der Welt: „Es wurden klare Fehler in der Kommunikation gemacht – und es geht um viel Steuergeld… Will man Deutschlands Zukunft gestalten und die Technologieführerschaft behalten, braucht man Standhaftigkeit, Glaubwürdigkeit und eine raschere Umsetzung von Entscheidungen… Stuttgart 21 ist unser Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands.“

Scherer berichtet, dass das Konzept zu FedEx als Abschlussarbeit eingereicht und vom Professor zurückgewiesen wurde, es sei unrealistisch. ACHTUNG: Widerstand gehört dazu, sonst machst du nichts Neues. Keiner glaubt dir die neue Projektidee und Lösung? Herzlichen Glückwunsch! Dir kann gar nichts Besseres passieren, als für verrückt erklärt zu werden. Dann bist du ganz sicher ein Dynamiker und außerhalb dessen, was für Statiker wahrnehmbar ist.