Da wünschen wir uns doch erst mal ein frohes neues Jahr. Persönliches zum Fall der Mauer vor 21 Jahren

Vier Jahre vor dem Mauerfall 1985 lernte ich als West-Berliner Freunde in Ost-Berlin kennen: Alex, Heike, Howard, Roger, Steffen und Tobias. Später wurde die Party- und Freundes-Gruppe immer größer – aus Ost-Berlin, Kleinmachnow, Teltow, West-Berlin, Paris und den USA. Für viele West-Berliner war Ost-Berlin mental weiter weg als Frankreich. In der Schule sprach es sich immer mehr herum, dass ich zu Partys nach Ost-Berlin fuhr. Das konnte sich keiner der Freunde in West-Berlin vorstellen. Wenn sie schon mal in Ost-Berlin gewesen waren, kannten sie nur die grauen Straßen mit Trabbis und graue Häuser. Ganz oft hörte ich später von Freunden, die zum ersten Mal zu den Partys mitkamen: „Ich kannte Ost-Berlin nur grau. Aber die Jugendlichen sind ja wie wir. Sie hören dieselbe Musik, haben dieselben Themen, tragen dieselben Klamotten.“ 1988 bis zum Mauerfall feierten wir monatlich Partys mit 30-50 Freunden, quasi illegale Versammlungen. Meistens in der Simon-Dach-Straße und Warschauer Straße im Friedrichshain. In dieser Zeit ereigneten sich ein paar Erlebnisse, die ich heute – am 21. Jahrestag des Mauerfalls – gerne teilen möchte.

Am 01.01.1989 fuhren ein paar Freunde und ich morgens zur Neujahrsparty nach Ost-Berlin. Wir wollten zusammen am Grenzübergang Friedrichstraße einreisen. Die anderen waren alle schon durch, da wurde mir die Einreise verweigert. Ohne Begründung. Einfach so. Alle anderen war schon durch. Ich hatte keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Ich starrte dieses Visum an, das nun ungültig war. Dann schaute ich noch mal hin, und noch mal und noch mal. Anders als bei anderen Malen, wenn ich nicht einreisen durfte, war mein Visum dieses Mal nicht mit einem dicken Stempel „Visum verweigert“ versehen. Mein Tagesvisum war wie unberührt. Ich wagte den undenkbaren Gedanken: Was wäre, wenn ich es an einem anderen Grenzübergang versuche? – Allein der Gedanke war so undenkbar gewagt … Das war so, dass es nicht sein konnte. Ich war mir sicher, dass ich einen Riesenärger bekommen würde. Die Grenzübergänge mussten miteinander verkabelt sein – so stellte ich mir das vor – und alles musste bekannt sein, insbesondere dass mir die Einreise gerade eben verweigert worden war. Ich fuhr überwältigt von der Idee zum Grenzübergang Oberbaumbrücke. Die letzten 100 Meter über die Brücke, die ja für Autos komplett gesperrt war, waren am Schlimmsten. Ich war ganz alleine und durfte mir nichts anmerken lassen. So früh am Neujahrsmorgen war ich der einzige Einreisende am Grenzübergang. Ich war innerlich starr vor Angst. Der Grenzbeamte schaute auf mein Visum und auf meinen Pass. Dann schaute er zu mir hoch. Millisekunden erschienen mir wie Stunden, ich dachte, jetzt platzt die Bombe. Er wird mich anbrüllen, was mir einfiele, ob ich ihn für dumm verkaufen wolle und festnehmen. Der Mund des Grenzbeamten öffnete sich, und er sagte: „Jetzt wünschen wir uns erst mal ein frohes neues Jahr.“ Stempel, Einreise genehmigt. Ja, solche Grenzbeamte gab es auch. Danke!!!

Nur 5 Wochen zuvor – auch an der Oberbaumbrücke – war ich bei der Ausreise angeschnauzt worden: „Beim nächsten Mal reisen Sie so aus, wie Sie eingereist sind.“ Der Grenzbeamte spielte auf meine Haarfarbe an. Ich hatte einen Topf rote Haarfarbe mit nach Ost-Berlin genommen und mir dort mein weißblondes Haar rot gefärbt – zu sehen in der Mitte des Bildes.

24_11_1988 Nun kamen wir von einer ausgelassenen Party, einer der schönsten Partys überhaupt mit etwa 50 Freunden. Es war kurz vor 2 Uhr, und wir waren noch zu viert, die anderen waren schon vor uns gegangen und teilweise über andere Grenzübergänge ausgereist. Beim Abschied hatten wir liebevoll eingepackte Geschenke von unseren Ost-Berliner Freunden bekommen, alle noch verpackt. Die Grenzbeamten rissen alle Geschenke auf und stopften sie wieder in unsere Taschen. Es war diese Willkür, Unfreundlichkeit und der krasse Gegensatz zur Menschlichkeit und Nähe unserer Partys, die mich zutiefst erschütterte. Trauer, Enttäuschung und tiefster Frust gingen mir durch Mark und Bein. All das war ja nicht neu, aber an diesem Morgen bekam ich an der Oberbaumbrücke einen solchen Weinkrampf wie nie zuvor und nur selten danach. Weniger als 12 Monate später stand die Mauer nicht mehr, aber das war bis zum Mauerfall unvorstellbar für mich.

Ein Ost-Berliner Freund hatte mir unter vier Augen erzählt, dass er gar nicht mehr wisse, mit wem von den Ost-Berliner Freunden er offen sprechen konnte. Es gab Fälle, in denen sich Ehepartner gegenseitig bei der Stasi anzeigten oder ein bester Freund das Vertrauen missbrauchte und alle Informationen der Stasi lieferte. Und das Wissen der Stasi war enorm. Der Aufwand den sie alleine für unsere harmlose Party-Gruppe betrieben, war erschreckend. Eine Ost-Berliner Freundin bekam eine „Einladung“, sich mit einem Offizier der Stasi zu treffen. Was so beeindruckend und erschreckend war, dass er die Namen aus unserer Gruppe (darunter neben West-Berlinern auch eine Französin und zwei USAmerikanerinnen) auswendig kannte und zwar Vor- und Nachnamen. Wie ich vor kurzem erfuhr, steht in der Stasi-Akte einer Ost-Berliner Freundin: „In diese Gruppe kommen wir nicht rein.“ DANKE, Ihr Lieben!!!

Und zwei lustige Schnippchen konnten wir der Stasi noch schlagen, die in keiner Akte auftauchen dürften :-) weil sie der Stasi unentdeckt blieben. April 1988 wollten zwei Freundinnen, die Depeche Mode-Fans waren, unbedingt nach Ost-Berlin, wo Depeche Mode ein Konzert gab. Sie hatten keine Karten, aber sie hatten einen Tipp bekommen, in welchem Hotel sie wohnten. Da sie beide unter 16 Jahre alt waren, brauchten sie einen volljährigen Begleiter. Daher fragten sie mich. Beim ersten Versuch scherzte der Grenzbeamte mit mir. „Sind das Ihre Kinder?“ Er lachte. Ich lachte zurück „Ja.“ Es war ja ganz offensichtlich, dass das nicht sein konnte. Da knallte er den Stempel auf das Visum: „Einreise verweigert“. Am nächsten Tag versuchten wir es wieder. Diesmal ließen sie uns zu dritt durch. Wir trafen zwei der Ost-Berliner Freunde und fuhren zum Grand Hotel in der Friedrichstraße Ecke Unter den Linden. Vor dem Hotel stand schon eine Horde von Depeche Mode-Fans. Wir gingen hinein, wo wir sofort nach unseren Ausweisen gefragt wurden. Es war ein Hotel, in das nur West-Deutsche und SED-Bonzen hinein durften. Da zwei von uns ja sofort als Ost-Berliner aufgeflogen wären, sagte ich: „Wir wollten ins Restaurant gehen.“ Antwort: „Da müssen Sie außen herum gehen.“ Ich deutete auf eine Tür am Ende des Foyers, über der groß „Restaurant“ stand und wollte direkt dort durchgehen. Antwort: „Die Tür dort ist leider verschlossen.“ Das war glatt gelogen. Wir verließen also das Hotel wieder und gingen durch den anderen Eingang ins Restaurant, das zum Hotel gehörte. Dort begannen wir für den Rest des Tages Englisch zu sprechen. Wir fragten auf Englisch nach der Rezeption des Hotels. Wir wurden im Restaurant freundlichst durch die besagte Tür gewiesen, die angeblich verschlossen war. Ungesehen von den Personen am Eingang, die uns zuvor nach den Personalausweisen gefragt hatten, setzten wir uns in die Hotel Lobby. Dort tranken wir zu fünft Kaffee und quatschten nur noch Englisch. Aus allen Etagen des Hotels wurden wir von „unauffälligen“ Herren in grauen Anzügen beäugt, die Stasi. Aber sie trauten sich nicht, uns zu belästigen. Scheinbar wurden wir für ausländische Touristen gehalten. Nach etlichen Stunden des Wartens kamen die vier britischen Musiker tatsächlich in die Lobby auf dem Weg zum Konzert, und unsere beiden Hardcore-Fans bekam ihr Foto mit Depeche Mode.

Und noch ein Schnippchen schlugen wir der Stasi. Im Juni fuhren ein Freund und ich mit über 20 West-Berliner Schülern nach Ost-Berlin. Die BRD hatte in der DDR keine Botschaft, daher hieß die Vertretung der BRD in der DDR die „Ständige Vertretung“. Die Ständige Vertretung war umringt von „unauffälligen“ Männern in „unauffälliger“ Kleidung, alles Vertreter der Stasi. Sie hatten Angst, dass Ost-Berliner Bürger in die „Ständige Vertretung“ gingen und einfach drinnen blieben, bis sie nach West-Deutschland ausreisen durften. Diese Angst war völlig berechtigt. Deshalb wurden Einzelpersonen sofort angehalten zur Ausweiskontrolle. Aber bei einer Gruppe von etwa 30 Personen konnten sie uns nicht genau kontrollieren. Ein Freund aus Ost-Berlin mischte sich unauffällig in diese Gruppe der West-Berliner und kam mit uns in die Westdeutsche „Botschaft“. Erst drinnen bekam ich Bammel, ob er wieder mit rauskommen würde und ob alles gut gehen würde. Aber alles lief glatt. Sechs Monate später fiel die Mauer, und all das war Geschichte. Und nun ist es bereits 21 Jahre her…

Für mich kam der Mauerfall völlig überraschend, ich war zu der Zeit in Südamerika – ohne Internet, ohne Handy, ohne Skype. Im Juli 1989 feierten wir meine Abschiedparty in Ost-Berlin, bevor ich nach Südamerika abreiste. Aber es war auch die Abschiedsparty von der DDR. Als ich neun Monate später zurückkam, war ALLES anders. Die letzten ostdeutschen Grenzbeamten, die ich im Juli 1989 traf, waren sehr nett. Bei der Einreise unterhielten wir uns angeregt über meine anstehende Reise nach Südamerika. Bei meiner Ausreise 26 Stunden später waren genau diese beiden netten Grenzbeamten wieder da. Ich hatte zum ersten Mal in all den Jahren vergessen, meinen Ausreise­schein auszufüllen. Da meinten die beiden: „Na, das machen Sie dann im nächsten Jahr, wir sehen uns ja bestimmt wieder.“ Aber der Mauerfall kam dazwischen… Am Abend des 09.11.1989 wohnte ich in Sao Paulo, Brasilien bei Shirley. Als ich zu ihr nach Hause kam nach mehreren Tagen auf dem Land ohne Medienkontakt, meinte sie: „Stell Dir vor, die Mauer ist offen.“ Ich stammelte: „Das kann gar nicht sein.“ Erich Honecker hatte noch im Frühjahr 1989 verkün­det, die Mauer stünde noch 100 Jahre. Wenn ich in Südamerika und den USA nach der Mauer gefragt wurde, hatte ich immer gesagt, dass keine Mauer für immer stehen bliebe. Aber gleichzeitig hatte ich bis zu diesem Abend immer gesagt, ich würde den Mauerfall in meinem Leben nicht mehr erleben. So festzementiert erschien sie mir. Ich kannte die Welt nicht ohne Mauer. Als ich Shirley in Sao Paulo ungläubig ansah, schaltete sie den Fernseher ein. In den Nachrichten wurde gezeigt, wie Tausende von Menschen auf der Mauer tanzten. Der Kudamm war voller Ost-Berliner und Unter den Linden war voller West-Berliner. Ich saß vor Shirleys Fernseher und war völlig gebannt. Ich konnte die Bilder, die ich sah, kaum begrei­fen. Ich holte meinen Fotoapparat und schoss Bilder von dem Fernseher mit den Bildern aus Berlin. In den folgenden Tagen gingen die Veränderungen so schnell weiter. Und ich, der seit 1985 so eng mit den Freunden in Ost-Berlin verbunden war, war nicht dabei. Mein Flugticket nach Berlin lag bei Freunden in Buenos Aires. Zum Glück. Hät­te ich es dabei gehabt, wäre ich möglicherweise spontan ins Flugzeug gestiegen und zurück geflogen. Stattdessen kam ich 7 Monate nach dem Mauerfall in ein völlig umgekrempeltes Land zurück.

Diese vier Jahre mit Partys, Stasi und Willkür haben meine Vorstellungskraft mehrfach gesprengt. Schon der Start der Freundschaft schubste mich über mehrere Tellerränder gleichzeitig. Meine Suche nach anderen Howard Jones Fans hatten zwei West-Berliner Radio-Sender ausgestrahlt… und RIAS und SFB wurden zum Glück nicht nur in West-Berlin gehört. Statt West-Berliner Fans rief nämlich Heike aus Ost-Berlin an. Dass sich aus Ost-Berlin Howard Jones Fans melden würden, lag bis zu diesem Anruf außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich hatte Ost-Berlin gar nicht im Blick, es war mir bis dahin auch fremd und unbekannt. Heike und ich tauschten Adressen aus. Ein paar Wochen später klingelte das Telefon nachts um 2 Uhr. Am Telefon war Martin, den alle Howard nannten, auch aus Ost-Berlin. Er kannte Heike und hatte auch meinen Aufruf im Radio gehört. Nun fragte er, ob ich ihn und Heike mal besuchen würde. Dass ich ihn und Heike besuchen könnte, lag zwar auch außerhalb von meiner Vorstellungskraft. Aber warum nicht. Howard rief wieder an, und wir verabredeten uns für den 2. November 1985 in Ost-Berlin.