Fachkräftemangel kostet Mittelstand 30 Milliarden. Auch Unternehmer gehen zur Neige aus Angst vor Scheitern

Mittelständler fürchten Umsatzverluste durch Fachkräftemangel. Ernst & Young befragte 3.000 Firmen mit 30 bis 2.000 Mitarbeitern. Die Ergebnisse sind repräsentativ. Von den prognostizierten Umsatzeinbußen von rund 30 Milliarden Euro sind laut Ernst & Young besonders Nordrhein-Westfalen und Bayern betroffen. Ihre aktuelle Geschäftslage nennen 92 Prozent der befragten Unternehmer „gut“ oder „eher gut“, das ist ein besserer Wert als im Boom-Jahr 2007. Gleichzeitig rechnen zwei von drei Unternehmern mit wachsenden Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Top-Personal. Nicht wirklich überraschend, dann diese Schlagzeilen kommen immer parallel zum Aufschwung…

Die Bundesagentur für Arbeit hat sich auch mal wieder eine Studie geleistet, die heißt „Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland“. Wahr, aber nicht besonders originell, da zu häufig schon gesagt: „Wir können es uns nicht leisten, die schlummernden Potenziale in unserem Land zu ignorieren“, sagte Behördenvorstand Raimund Becker. Die Bundesagentur für Arbeit hat ihre Hausaufgaben gemacht und laut heutigem breiten Medienecho einen Zehn-Punkte-Plan gegen den drohenden Fachkräftemangel aufgestellt. So sollen bis 2025 mehrere Millionen zusätzliche Arbeitskräfte gewonnen werden. Ein Schwerpunkt liegt auf einer verbesserten Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Klingt erst mal nach einer „alle Jahre wieder“-Lyrik. Ich hoffe, ich täusche mich zum Wohle all der schlummernden Talente!

Ich hoffe, bei dem 10-Punkte-Plan werden die aktuellen Erkenntnisse der Schwedischen Studie beachtet, über die GEO berichtet: „Auf die Lehrer kommt es an!“ Schwedische Lehrer haben eine der schwächsten schwedischen Schulklassen innerhalb von 5 Monaten in eine leistungsstarke Klasse verwandelt. Der Erfolg lag laut Bericht in einer Vielfalt an Fähigkeiten der Lehrer: Fachwissen, Begeisterungsfähigkeit, eigene Wertebindung, souveränes Rollenverständnis und – ganz wichtig – die Fähigkeit, sich nicht stressen zu lassen. Laut GEO und nach Einschätzung von Experten werden diese Faktoren in der Lehrerausbildung in Deutschland zu wenig beachtet. Fazit: „Schulreform, kleinere Klassen, längeres gemeinsames Lernen? Alles zweitrangig. Die Bildungschancen unserer Kinder hängen vor allem ab von den Menschen, die vor der Tafel stehen und Wissen vermitteln.“

Und nicht nur Fachkräfte gehen zur Neige, auch Unternehmer: Deutschland ist Entwicklungsland in Sachen Unternehmertum. Viele  Menschen haben Angst vor dem Scheitern. Aber ohne die Möglichkeit zu scheitern, gibt es kein Unternehmen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland auf dem 15. Rang von 20 Ländern. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Institute in ihrer gemeinsamen Studie „Global Entrepreneurship Monitor“ (GEM). Der Anteil der 18- bis 64 Jährigen, die in den vergangenen dreieinhalb Jahren ein Unternehmen gründeten, liegt bei 4,1 Prozent. In den Vereinigten Arabischen Emiraten liegt diese Quote über 10 Prozent.

Interessant ist, dass all diese Studien all die Jahre wiederholt werden, es folgen 10-Punkte-Pläne und Aktionen. Ich hoffe sehr, dass Thomas Keups Blick in die digitale Zukunft und seine Frage zukünftig beherzigt wird: “Wer bringt uns die Kollaboration im Web?” In Antworten auf diese Frage sehe ich viel Potenzial. Statt neuem Aktionismus und unzähligen 2jährigen EU-finanzierten Pilotprojekten hoffe ich auf langfristige Effekte durch neue Formen der Kooperation und der Zusammenarbeit.