Heiner Kamp fordert Verbesserung und lobt Bildungsketten. Forscher kritisieren nicht effektive Förderprogramme für Jugendliche

Heiner Kamp, der Berichterstatter für Fragen der beruflichen Qualifizierung der FDP-Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag, forderte in einer Pressemitteilung vom 03. Februar 2011: „Der Übergang von Schule zu Beruf muss verbessert werden.“ Schon zum Wahlkampf im September 2009 schrieb sein Parteifreund Dr. Geisen im YOUNECT-Blog: „Damit es aufgrund der Heterogenität der Angebote nicht zu einer Überforderung der Jugendlichen kommt, wäre es sinnvoll, die Angebotspalette nach Zielsetzung zu systematisieren und für junge Menschen handhabbar aufzubereiten.“ Acht Monate später am 20. Mai 2010 in der 43. Sitzung des Deutschen Bundestags sagte Heiner Kamp dazu: „Hier setzen wir als Koalition mit den Bildungsketten neue Maßstäbe. Dazu gehören unter anderem eine Potenzialanalyse ab Klasse 7 und eine verbesserte Berufsorientierung ab Klasse 8. Junge Menschen sollen sich frühzeitig über ihre Begabungen klar werden; denn nur wer einen Beruf ergreift, für den er begabt ist, wird gut durch die Ausbildung kommen und den Beruf mit Freude und Begeisterung ein Leben lang ausüben können.“

Anfang 2011 haben Forscher in unterschiedlichen Studien die mangelhafte Wirksamkeit von Förderprogramme für Jugendliche kritisiert. Eine Studie zeigt auf, dass NRW 2009 rund 440 Millionen Euro an Fördermitteln ausgegeben hat. Laut Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen haben von den 150.000 jugendlichen Teilnehmern in 120 Programmen und Maßnahmen ein Drittel weiterhin keinen Ausbildungsplatz. D.h. 50.000 Jugendliche blieben „hängen, aber keiner weiß, warum„, kritisierten die Forscher. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Dorothea Schäfer sagte, Warteschleifen seien für alle Beteiligten keine Lösung des Problems.

Der Berliner Tagesspiegel zitiert heute eine Studie des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) und der Bertelsmann Stiftung. Bundesweit wurden 500 Bildungsexperten befragt. Ergebnis: Viele Angebote zur Berufsbildung von Jugendlichen sind nicht effektiv und daher reformbedürftig. Fast 90 Prozent der befragten Fachleute beklagten, dass der Einsatz von Geld und Personal oft uneffektiv sei, und mehr als drei Viertel kritisierten, dass die zahlreichen Maßnahmen und Bildungsgänge kaum noch zu überblicken seien. Das oben zitierte Szenario von Dr. Geisen „damit es aufgrund der Heterogenität der Angebote nicht zu einer Überforderung der Jugendlichen kommt“, ist also bereits eingetroffen. Im August 2010 hatte ich einen Artikel geschrieben, der großenteils aus einer sinnentleerten Liste mit fast 600 Links zu Angeboten der Berufsorientierung bestand. Und natürlich gibt es Tausende weitere Links von Websites zur Berufswahl.

Das Parlament Ausgabe 44/2010 schreibt dazu: „…Wertschöpfungsverluste der deutschen Wirtschaft aufgrund fehlender Fachkräfte. Für 2009 beziffert das Institut der deutschen Wirtschaft Köln diese Verluste auf 14,4 Milliarden Euro. Und zitiert Heiner Kamp: ‚Mangel an Auszubildenden. Darum müsse man die Berufsorientierung der Jugendlichen stärken und an ihrer Ausbildungsreife arbeiten.'“ Heiner Kamp fordert in seiner Pressemmitteilung am 03.02.2011: „65.000 Jugendliche, die derzeit ohne Abschluss die Schule verlassen, sind 65.000 zu viel. Weder Wirtschaft noch Gesellschaft können es sich leisten, diese Potenziale brach liegen zu lassen. Was wir brauchen, ist eine deutliche Stärkung der Berufsorientierung in den Schulen. Dazu gehört eine engere Vernetzung der Schulen mit ihrem jeweiligen Umfeld.“ Interessant finde ich seine Forderung, auch Lehrer sollten verstärkt die Möglichkeit zu Hospitationen in den Betrieben erhalten, um die betriebliche Realität besser kennen zu lernen.

Entscheidend finde ich seine Forderung nach einer engeren Vernetzung der Schulen mit ihrem jeweiligen Umfeld. Mentorenprogramme mit Schülern boomen… und das ist gut so. Die Komplizen, Ausbildungspaten Hannover, Schülercoach, Schüler im Chefsessel, Interkultureller Bildungs- und Förderverein für Schüler und Studenten e.V., Übergangscoaches, Big Brothers Big Sisters Deutschland, Schülerpatenschaften, JOBLINGE und viele andere regionale Programme arbeiten eng mit Schulen und Betrieben zusammen. Auch der NORDPOOL von der NORD/LB und YOUNECT bindet regional Vereine und Schulen ein. Hier stehen wir noch ganz am Anfang. Deshalb schätze ich auch für die Berufswahl und die Zukunft der Bildungsketten und Förderprogramme Thomas Keups Frage als wegweisend ein: “Wer bringt uns die Kollaboration im Web?”