Gastbeitrag von Fröhling/Krämer „Berufsorientierung junger Erwachsener – Was sind die Einflussfaktoren?“

Philipp Fröhling und Toni Krämer haben bereits mehrfach in unserem Blog geschrieben z.B. “Berufsorientierung – Was ist das?” und “Berufswahl als Matching-Prozess”.

Berufsorientierung – Was ist darunter eigentlich zu verstehen? Eine mögliche Definition  ist die Beschäftigung des Betroffenen mit den vorhandenen Möglichkeiten einer Vorbereitung auf den künftigen Beruf. Die Berufsorientierung stellt somit einen Prozess dar, der zur Berufswahl hinführt. Dabei beinhaltet er die Suche nach relevanten Informationen und Entscheidungshilfen sowie die Reflexion über eigene Wertvorstellungen und Anliegen. Neben diesen aktiven Aspekten aus Sicht des jungen Erwachsenen soll es in diesem Artikel mehr um passive bzw. externe Aspekte gehen. Bei der Betrachtung von Einflussfaktoren auf die Berufswahl junger Erwachsener empfiehlt sich zunächst deren Einteilung in endogene und exogene Faktoren. Die inneren (endogenen) Aspekte sind z.B. physische Voraussetzungen (Alter, Geschlecht), Eignung im Sinne von Leistungsfähigkeit und die Interessenlage des Einzelnen. Die exogenen Faktoren lassen sich unter den bereits angesprochenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammenfassen. Einerseits fällt der soziale Einfluss von Familie, Schule und Peer-Groups in diesen Bereich, aber auch ökonomische Aspekte wie die Arbeitsmarktlage.Zunächst interessiert uns jedoch, wie die Jugend die Einflussnahme auf allgemeiner Ebene selbst bewertet. Einschlägige Untersuchungen wie die Shell-Jugendstudie zeigen, dass seit mehreren Generationen der Stellenwert von persönlichen, verbindlichen Beziehungen zunimmt, und zwar in der Reihenfolge Familie, Partnerschaft, Freunde. Der Familie kommt diese sehr ausgeprägte Relevanz zu, unabhängig davon, um welches Familienmodell es sich handelt. Dabei werden besonders die Eltern für die wichtigsten Ansprechpartner in allen bedeutsamen Fragen des Lebens als Vorbilder und Rollenmuster bewertet. Junge Erwachsene im Alter zwischen 12 und 29 Jahren haben zur Mutter ein noch etwas stärkeres Vertrauen als zu ihrem Vater. Der Einfluss von Geschwistern ist hingegen deutlich geringer, jedoch immer noch gegeben.

Aber auch die Wertschätzung von Freundschaften und einer vertrauensvollen Partnerschaft haben weiter zugenommen. Besonders bei akuten größeren Problemen oder wenn Schwierigkeiten auftreten, werden Freunde als vertrauensvolle Ansprechpartner gesucht und sogar den Eltern vorgezogen. Dies gilt insbesondere für so genannte „beste“ Freunde bzw. Freundinnen, deren subjektive Bedeutung mit dem Alter zunimmt und später dann durch den Partner bzw. die Partnerin ersetzt wird.

Eine allgemeinere zwischenmenschliche Kontaktdichte, d.h. viele Kontakte zu anderen Menschen zu haben, wird zwar ebenfalls als wichtig von der aktuellen Jugendgeneration bewertet, jedoch nicht mit einer Ausprägung, die mit den bereits angesprochenen Kategorien vergleichbar ist.

Im Kontext der Berufsorientierung ist als wichtiger Einflussfaktor auf Jugendliche und junge Erwachsene vor allem deren soziales Umfeld zu nennen, welches im Rahmen der beruflichen Orientierung mehrere Funktionen erfüllt. Zum einen weisen Eltern, Geschwister, Freunde bzw. Partner auf berufliche Möglichkeiten hin (Informations-funktion). Zum anderen begleiten sie diesen Prozess, helfen bei der Auswahl von Alternativen und unterstützen bei der Entscheidungsfindung. Insgesamt spricht man jedoch in der relevanten Literatur bewusst eher von Einflussnahme, statt nur von Begleitung der beruflichen Orientierung durch die Familie. Beispiele sind die meist elterliche Entscheidung über die zu besuchenden Schulen und klar formulierte Erwartungshaltungen, die sich teilweise auch zu einem diffusen Druck bzw. eher hilflosen Versuchen elterlicher Beeinflussung entwickeln können. Auch die angesprochene Informationsfunktion der Eltern ist in der Regel stark durch die eigene Berufsbiographie geprägt sowie vom Informationsstand der Eltern abhängig. Häufig ist das Informationsdefizit über berufliche Möglichkeiten hinderlich, um aktiv am Berufswahlprozess der eigenen Kinder teilnehmen zu können. Dass der Einfluss der Eltern in diesem Zusammenhang von den jungen Erwachsenen durchaus kritisch gesehen wird, belegen folgende Zahlen: ein halbes Jahr vor ihrem Schulabschluss gaben im Jahr 2006 92 Prozent der Schüler an, sie würden ihre Eltern während ihres Berufswahlprozesses zu Rate ziehen. Jedoch bewerteten lediglich 39 Prozent dieser Gruppe ihre Eltern als kompetente Ratgeber.

Auch der Freundeskreis wird als wichtige Quelle im Berufswahlprozess genutzt. Hier schätzen die jungen Erwachsenen, dass Gespräche und der Austausch von Tipps auf Augenhöhe und auf Basis vergleichbarer Wissensstände stattfinden können, was bei anderen professionellen, institutionalisierten Beratungsformen so nicht der Fall ist. Jedoch werden auch diese freundschaftlichen Kontakte nur von einem Drittel als hilfreich eingestuft, da die Freunde weniger als Informationsquelle, sondern eher als „Projektionsfläche“ eigener Gedanken zur weiteren Lebens- und Berufsplanung genutzt werden. Trotzdem muss festgehalten werden, dass den Peers und Cliquen von jungen Erwachsenen eine wichtige Rolle im Lebenszusammenhang und speziell bei der Berufsorientierung zukommt. Gerade weil der Austausch untereinander als wichtig bewertet wird, kann es sogar zu einem Verschließen vor professioneller Beratung kommen, was den Zugang für die entsprechenden Institutionen zu der Zielgruppe erheblich erschwert.

Insgesamt sollte der Einfluss von Peers auf die Berufswahl weniger als Konkurrenz zu dem der Eltern gesehen werden, sondern als Ergänzung. So wird mit Eltern unter Umständen konkreter über die berufliche Zukunft gesprochen, jedoch ist bei den Peers der gemeinsame soziohistorische Hintergrund ein wichtiger Aspekt.

An diesen gemeinsamen Hintergrund knüpfen zahlreiche gesellschaftliche Faktoren an, denen bei der Berufswahl Rechnung getragen werden muss. Die jungen Erwachsenen werden mit einer sich schnell verändernden Gesellschaft und einer dynamischen Arbeitswelt konfrontiert. Wissen ist heute immer schneller wieder überholt, so dass der Begriff des „lebenslangen Lernens“ an Bedeutung gewinnt und die Berufswahl die Eigenschaft einer endgültigen Entscheidung immer mehr verliert. Diese Rahmenbedingungen vermitteln den Schulabsolventen, dass berufliche Veränderungen normal sind und die klassischen Karriereformen nicht mehr die Regel sind. Stattdessen muss man mit Ungewissheiten und gewissen Risiken leben. Diese gesellschaftlichen und insbesondere wirtschaftlichen Anforderungen bestimmen die Berufswahl in der Form, dass junge Erwachsene ihre Wahl auf Machbarkeit eingrenzen, d. h. was der Arbeitsmarkt nachfragt. Sie müssen sich bewusst machen, dass sowohl Stellen unbesetzt als auch Bewerber nicht versorgt sein können, wenn sie als Bewerber nicht ihren Berufswunsch anpassen.

Die Quellenangaben entnehmen Sie bitte der Buchveröffentlichung „Social Media im Personalemarketing – eine Untersuchung im Rahmen der Berufsorientierung junger Erwachsener“. Vielen Dank an Toni Krämer und Philipp Fröhling und viele Leser für die veröffentlichte Materarbeit.