Wo geht’s denn hier raus aus dem Arbeitgeber-Siegel Dschungel?

Zum Ende der Serie zu den Arbeitgeber-Siegeln in Deutschland hat unsere Masterantin Johanna noch eine Schlussbetrachtung für uns:

Menschen  treffen etwa 20.000 Entscheidungen pro Tag. Manche schnell und spontan, manche nach langer Überlegung. Die Wahl ob Eier mit oder ohne Bio-Siegel in den Einkaufswagen wandern, wird sicherlich schneller getroffen als die, welchen Unternehmen eine Bewerbung zugesandt wird. Der Zweck des Siegels ist in beiden Fällen der gleiche. Siegel  tragen dazu bei, Entscheidungen zu vereinfachen, was angesichts der Informationsüberflutung unserer Gesellschaft durchaus hilfreich ist.

Arbeitgeber-Siegel bestätigen die Prüfung eines Unternehmens hinsichtlich seiner Arbeitgeberqualität. In der spärlichen Fachliteratur gibt es Hinweise, dass sie von Bewerbern positiv wahrgenommen und gleichzeitig nicht hinterfragt werden.

Betreten des Arbeitgeber-Siegel-Dschungels auf eigene Gefahr?

78 Arbeitgeber-Siegel. 53 Anbieter allein in Deutschland. Entschließt man sich den Dschungel der Arbeitgeber-Siegel zu betreten, wird schnell klar, dass man sich auf unerforschtem Gebiet bewegt – kaum Fachliteratur, keine Studien, wenig Informationen von Anbietern. Es gestaltet sich schwierig herauszufinden, welcher Anbieter durch welche Methodik welches Arbeitgeber-Siegel vergibt. Die Anbieter selber halten sich auch auf Anfrage bedeckt. Selbst der Hinweis auf Sperrvermerk, Geheimhaltungserklärung und wissenschaftliche Herangehensweise  veränderte an diesem Standpunkt oftmals nichts. Von 39 angeschriebenen Anbietern haben nur etwas mehr als eine Handvoll qualitativ hochwertige Informationen bereitgestellt.

Da drängt sich die Frage auf, warum Anbieter so reagieren. Fürchten sie Wettbewerber, die das Verfahren kopieren und günstiger anbieten? Müssen Unternehmen nur das nötige Kleingeld mitbringen, um das Arbeitgeber-Siegel zu erhalten? Stehen Anbieter überhaupt hinter ihrem Verfahren?

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Anbieter vom Mechanismus der Siegel profitieren: Siegel haben Signalwirkung  und werden gleichzeitig nicht hinterfragt. Für Unternehmen eignen sich Arbeitgeber-Siegel gut, um mit dessen Hilfe ihr Arbeitgeberimage positiv zu beeinflussen.
Wichtig ist: kein isolierter oder widersprüchlicher Einsatz von Arbeitgeber-Siegeln! Sie eignen sich nur dort, wo sie Bestandteil einer umfassender Employer Branding Strategie sind. Elementar für den Erfolg dieser Strategie ist es, alle Bestandteile konsequent aufeinander abzustimmen und konsistent zu gestalten. Hierfür ist es nicht zuletzt notwendig, nach Innen auch tatsächlich zu leben, was man nach Außen kommuniziert.

Für Bewerber können Arbeitgeber-Siegel eine Orientierungshilfe darstellen. Der Fall der Zeitarbeitsfirma Trenkwalder zeigt, dass sich Bewerber letztlich bei der Auswahl des Arbeitgebers, ebenso wie Konsumenten beim Einkauf von Bio-Eiern, ein eigenes Bild von ausgezeichneten Unternehmen machen und am Ende des Tages ggf. hinterfragen müssen, wie das ein oder andere Siegel vergeben wird. Trenkwalder wurde 2011 mit einem Arbeitgeber-Siegel ausgezeichnet, was angesichts der aktuellen Vorwürfe um Leiarbeiter aus Spanien Unverständnis hervorruft.  Ist der Zweifel berechtigt? Sicher ist: manchmal lohnt es sich erst das Verfahren zu hinterfragt und im Anschluss die Siegel-Vergabe zu bewerten – vorausgesetzt das ist auf der Grundlage von zur Verfügung gestellten Informationen überhaupt möglich. Dieser Fall zeigt, dass es für Anbieter von Arbeitgeber-Siegeln durchaus sinnvoll sein kann, mehr Informationen rund um das angewandte Verfahren zur Verfügung zu stellen und so Transparenz zu schaffen.

Den Dschungel verlassen – und jetzt?

Nach fast 6 Monaten konnten viele Fragen rund um das Thema beantwortet werden. Mindestens genauso viele neue Fragen kamen auf: In welchem Umfang  nehmen Bewerber die Arbeitgeber-Siegel tatsächlich wahr? Welchen Einfluss haben sie auf die Wahl, welches Unternehmen Adressat einer Bewerbung wird? Wie viele Bewerber hinterfragen das Verfahren?
Und bei  78 Arbeitgeber-Siegeln (es könnten auch noch mehr sein) bleibt zum Schluss auch die Frage: Welche Arbeitgeber-Siegel kennen Bewerber überhaupt?

Dieses Thema gibt also deutlich mehr Stoff her, als für nur eine Masterarbeit – und vielleicht ließe sich so die Lücke in der Fachliteratur schließen …


Dieser Artikel ist Teil der Serie »Arbeitgeber-Siegel-Dschungel«

  1. Von Null auf HUNDERT ... achtundfünfzig Arbeitgeber-Siegel
  2. Arbeitgeber-Siegel Dschungel – Hilfe holt mich hier raus
  3. Der Arbeitgeber-Siegel Dschungel läßt uns nicht los
  4. Wo geht’s denn hier raus aus dem Arbeitgeber-Siegel Dschungel?
  5. Top Arbeitgeber – Arbeitgeber-Siegel-Dschungel Teil 6
  6. Top Company und Open Company – Arbeitgeber-Siegel-Dschungel Teil 5
  7. Karrierefördernde & faire Trainee-Programme – Arbeitgeber-Siegel-Dschungel Teil 4
  8. Top Arbeitgeber und Top Firmen-Image – Arbeitgeber-Siegel-Dschungel Teil 3
  9. Arbeitgeber des Jahres und Top Arbeitgeber - Arbeitgeber-Siegel-Dschungel Teil 2
  10. Arbeit Plus der Evangelischen Kirche Deutschland - Arbeitgeber-Siegel-Dschungel Teil 1
  11. Unterwegs im Arbeitgeber-Siegel-Dschungel