„Die Region ist tot“ – Das Problem der Unsichtbarkeit

Um die weniger werdenden Fachkräfte ringen die Unternehmen und mit ihnen die Regionen. Wer hat dabei die Nase vorn?

Große und bekannte Unternehmen mit öffentlichkeitswirksamen Produkten haben es heute leicht – und verteidigen ihre Vormachtstellung auch in Zukunft. Sie sind wie das Licht für die Mücke, haben Strahlkraft über Landesgrenzen hinaus. Auf den Tischen und in den E-Mail-Postfächern der Personaler türmen sich Bewerbungen. Jeder kennt sie, jeder will sie.

Und im Schatten der Giganten rufen die Kleinen: „Wir finden keine Experten. Wir haben keine Bewerber. Wir können die Stelle nicht besetzen. Wir können nicht wachsen.“ Niemand hört sie. Niemand sieht sie. Zumindest nicht die Fachkräfte.

im Schatten der Giganten

Im Schatten der Giganten rufen die Kleinen*

Unbekannte Landkreise, unsichtbare Champions

Knapp 300 Landkreise gibt es in Deutschland. Und die wenigsten davon sind allgemein bekannt. Dabei tummeln sich gerade in ländlichen Regionen erfolgreiche KMU oder Hidden Champions, Weltmarktführer mit unauffälligen Produkten. Schön und gut, nur: Wer weiß das schon?

Vom Mismatch betroffen sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Hidden Champions aus eher ländlichen, nicht urbanen Gegenden – Gebiete, die heute in den Augen vieler junger Fachkräfte öde und eingestaubt sind. Es locken die Städte mit ihren Versprechen.
Leben. Lieben. Hamburg; Berlin. The Place To Be. Eine harte Konkurrenz für mittelständische Unternehmen im Hinterland oder in unpopulären Städten. Eine harte Konkurrenz für unscheinbare Regionen.

Passende Bewerber zu erreichen ist heute schwieriger denn je, vor allem wenn es darum geht, junge Fachkräfte zu einem unbekannten Unternehmen in die Provinz zu locken.
Die Wirtschaftsförderungen der Landkreise engagieren sich stark darin, die Region so unternehmensfreundlich wie möglich zu gestalten und bekannt zu machen. Kontakte pflegen, Netzwerke aufbauen, fördern, gründen, werben. Verantwortliche im Regional- und Stadtmarketing postulieren: Gemeinsam sind wir stark! Wir steigern und kommunizieren die Attraktivität der Region!

Verlorene Fachkräfte

Das ist gut und das ist wichtig. Doch erreicht es die Fachkräfte? Wie fällt man auf, als einer von 300 Landkreisen? Wie macht man auf die angesiedelten Unternehmen und Cluster aufmerksam? Regionale Wirtschafts- und Branchenförderer stoßen an ihre Grenzen, zu theoretisch die Studien, zu teuer die Kampagnen, zu gering die Reichweite.
In der Folge verlassen Absolventen die Studienregion, in der sie teuer ausgebildet wurden, denn sie sind überzeugt, dass es dort keine passenden Jobangebote für sie gäbe.**
Sie bewerben sich vielleicht noch, wie die meisten, bei dem einzigen in der Region bekannten Unternehmen. Sie erhalten, wie die meisten, eine Absage – und ziehen von dannen. Und dann?

Auf Nimmerwiedersehen. Der geeignete Kandidat ist verloren. Für die KMU, für die Hidden Champions, für die Großen und für die Region.

Doch die Region ist NICHT tot – sie ist nur unsichtbar. Und verschwenderisch.

*Jonathan Stutz – Fotolia.com
**Philipps-Universität Marburg (2012): Absolventenbefragung, Kurzfassung
http://www.region-mittelhessen.de/fileadmin/media/dokumente/publikationen/mittelhessen_absolventenbefragung_fachkraeftemarketing_2012.pdf


Dieser Artikel ist Teil der Serie »Fachkräftesicherung mit Silber und Bronze«

  1. Empfehlungs-Recruiting - Nutzen & Vorteile III
  2. Empfehlungs-Recruiting - Nutzen & Vorteile II
  3. Empfehlungs-Recruiting - Nutzen & Vorteile I
  4. Bildungspartner als dicke Fische
  5. Regionale Talentpools zur Fachkräftesicherung
  6. Netzwerkbasiertes Empfehlungs-Recruiting
  7. Verschwendung im großen Stil
  8. "Die Region ist tot" - Das Problem der Unsichtbarkeit
  9. Die Zukunft ist grau - oder doch rosig?
  10. Was hat die Olympiade mit Bewerbungsprozessen zu tun?