MdB Stephan Kühn sagt: „Bröselnde Straßendecken“

Stephan Kühn (33, B90/Die Grünen) ist in unserer Serie „Wahl 2013: Abgeordnete empfehlen“ bisher das jüngste MdB. Was er über dicke Ordner mit erfolglosen Bewerbungen weiß, erklärt er im folgenden Interview.

Stephan Kühn

Stephan Kühn

Was wären Sie heute, wenn Sie nicht Politiker geworden wären?
Ich würde vermutlich für einen Umweltverband Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit machen.

Was möchten Sie in Ihrer politischen Laufbahn unbedingt erreichen?
Ich möchte die Chance haben, in Regierungsverantwortung dafür zu sorgen, dass die Bahn so gut wird, dass immer mehr Menschen bereit sind umzusteigen und mehr Güter über die Schiene transportiert werden. Hier setzen wir Grünen auf den integralen Taktverkehr (Deutschlandtakt) – vom Fernverkehr, der die Städte miteinander verbindet bis hin zur Regionalbahn und dem Regionalbus, der die Fläche erschließt. Ein solcher integraler Taktfahrplan verkürzt Wartezeiten durch passgenaue Anschlussmöglichkeiten und bringt damit Fahrgäste schneller an ihr Ziel.

Wofür haben Sie zuletzt privat eine Empfehlung ausgesprochen? Was haben Sie in letzter Zeit aufgrund einer Empfehlung von Freunden getan oder gekauft?
Ich habe zuletzt zwei Empfehlungen für den Kauf von Fahrrädern gegeben. Bei meiner Urlaubsplanung bin ich diesem Sommer Tipps von Freunden gefolgt.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Bewerbung?  Erhielten Sie eine Zu- oder Absage?
Ich hatte großes Glück, meine erste Bewerbung war gleich ein Erfolg. Nicht unerheblich war dabei mein ehrenamtliches Engagement vorher in diesem Bereich.

Falls Sie auf eine Bewerbung schon mal eine Absagen erhielten: Wie haben Sie sich gefühlt?
Mir ist das bisher erspart geblieben. Ich habe aber Freunde, die dicke Ordner mit erfolglosen Bewerbungen gefüllt haben. Besonders unbefriedigend war für sie, meistens nicht erfahren zu haben, aus welchen Gründen sie abgelehnt wurden.

Woran denken Sie zuerst, wenn Sie das Wort „Fachkräftemangel“ hören?
Ich denke an die vielen klein- und mittelständigen Unternehmen, für die das Thema oft noch weit weg zu sein scheint, zumindest war das teilweise mein Eindruck bei Unternehmensbesuchen. Ein großes Unternehmen, dass viele Auszubildende sucht und dafür von Jahr zu Jahr weniger und vielleicht auch schlechtere Bewerbungen erhält, nimmt das Problem offenbar eher war, als ein kleiner Familienbetrieb mit nur einem Ausbildungsplatz.

Welche Pläne haben Sie und Ihre Partei bzgl. der Fachkräftesicherung für Deutschland und Ihren Wahlkreis?
Wenn Mütter, Ältere und Arbeitslose zu Fachkräften der Zukunft werden sollen, dann brauchen sie Förderung, Weiterbildung und Unterstützung. All das bekommen sie von der Bundesregierung bisher nicht. Am besten sieht man das am Beispiel der Frauen in unserem Land: Noch immer müssen sie, um Beruf und Familie vereinen zu können, in Teilzeitbeschäftigung gehen. Damit vergibt sich unsere Gesellschaft die Chance hochqualifizierten Arbeitskräften voll am Arbeitsleben teilhaben zu lassen. Das können wir uns einfach nicht mehr leisten. Die Aufgaben für Politik und Unternehmen hierbei sind klar verteilt: Damit Frauen ihre Arbeitszeit ausweiten können, müssen sich Kinderbetreuung und Karrierechancen verbessern.
Weitere Probleme gibt es für Alleinerziehende, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderungen, Jüngeren und Älteren. Auch ihnen wollen wir neue Chancen eröffnen. Wir wollen an die unterschiedlichen Fähigkeiten, Stärken und Qualifikationen der Menschen anknüpfen. Eine Arbeitsmarktpolitik, die diese Menschen wirksam und fair integriert, setzt auf passgenaue und individuelle Förderstrategien.

Um die Probleme im Ausbildungsbereich zu überwinden, müssen vor allem das Bildungsangebot und die Berufsvorbereitung besser werden. Die Schulabbrecherquote in den neuen Bundesländern ist mit über zehn Prozent noch immer doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Diese Schülerinnen und Schüler haben kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Wir setzen uns für eine Bildungspolitik ein, die sie nicht aussortiert, sondern individuell fördert.

Bisher bekommt die Mehrzahl der gut qualifizierten Bewerber Absagen. Das Potential guter Bewerber wird so für die Region und Branche verschwendet.
Die YOUNECT GmbH hat mit dem Talentpool eine Lösung entwickelt, mit der Empfehlungs-Recruiting ermöglicht wird: In regionalen oder branchenspezifischen Talentpools können sich Unternehmen, datenschutzrechtlich korrekt, gegenseitig 2.- und 3.-platzierte Bewerber empfehlen, die sie selbst nicht einstellen konnten.

Der Talentpool war 2012 Preisträger und nominierter Bundessieger bei „Land der Ideen“. Er wird bereits von 41 Regionen bzw. Branchen genutzt.
Was halten Sie generell davon, gute Bewerber zu empfehlen? Denken Sie, dass Empfehlungs-Recruiting mittels regionaler Talentpools  zur Fachkräftesicherung beitragen kann? Können Sie sich vorstellen, dass Unternehmen Ihres Wahlkreises sich gegenseitig gute Bewerber empfehlen?
Ich finde die Idee sehr gut und werde bei meinen nächsten Unternehmensbesuchen mal testen, was die Firmen in meiner Region davon halten.

Nennen Sie uns drei Argumente, warum man Sie im September wählen sollte.
Die Energiewende kann nicht funktionieren ohne eine Verkehrswende! Für eine andere Verkehrspolitik möchte ich mich im Bundestag weiter engagieren. Dabei ist mein Anspruch Mobilität für alle Menschen zu erschwinglichen Preisen und umweltverträglich zu organisieren.
Als verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion möchte ich mich weiter dafür einsetzen, dass angesichts zahlreicher sanierungsbedürftiger Brücken und bröselnder Straßendecken der Substanzerhalt im Mittelpunkt steht und teure Prestigeprojekte ohne verkehrlichen Nutzen müssen endlich der Vergangenheit angehören.
Ich bin mit 10 Jahren Erfahrung als Ortsbeirat und später Stadtrat in Dresden mit einer kommunalpolitische „Erdung“ in den Bundestag eingezogen. Unsere Kommunen brauchen bei den großen Herausforderungen wie soziale Inklusion, städtische Mobilität, Energieeffizienz, Klimaschutz sowie alten- bzw. familiengerechter Umbau und Barrierefreiheit Unterstützung vom Bund. Dafür möchte ich mich einsetzen.

Vielen Dank für Ihre Antworten, Herr Kühn.


Dieser Artikel ist Teil der Serie »Wahl 2013: Abgeordnete empfehlen«

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  67. MdB Stephan Kühn sagt: "Bröselnde Straßendecken" (20. August 2013)
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  77. MdB Dr. Dagmar Enkelmann sagt: "Bodenständiges Brandenburger Gewächs" (14. August 2013)
  78. MdB Dr. Stefan Ruppert sagt: "Zukunft nicht verbauen" (13. August 2013)
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