MdB Matthias W. Birkwald sagt: „Mit 40 angeblich zu alt“

Matthias W. Birkwald (51, Die Linke) unterscheidet Fachkräfteengpässe und „Fachkräftemangel“ und weiß, dass ein knappes Gut einen höheren Preis hat. Auf dem Arbeitsmarkt sieht er das nicht.

Was wären Sie heute, wenn Sie nicht Politiker geworden wären?
Büroleiter einer oder eines LINKEN Bundestagsabgeordneten, oder Fernseh-Rechercheur, Moderator oder Schauspieler oder wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem soziologischen Institut.

Was möchten Sie in Ihrer politischen Laufbahn unbedingt erreichen?
Die Durchsetzung einer Solidarischen Mindestrente, also dass niemand im Alter von weniger als 1050 Euro (heutiger Wert) leben muss.

Wofür haben Sie zuletzt privat eine Empfehlung ausgesprochen? Was haben Sie in letzter Zeit aufgrund einer Empfehlung von Freunden getan oder gekauft?
1. Einem Freund, der bald Vater werden wird, gab ich Tipps für den Kauf eines praktischen PKWs mit geringem CO2-Ausstoß. 2. Ich esse seit kurzem mehr Obst und Gemüse und weniger Fleisch, was mir eine Freundin nachdrücklich empfahl.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Bewerbung? Erhielten Sie eine Zu- oder Absage?
Ja, eine Zusage.

Falls Sie auf eine Bewerbung schon mal eine Absage erhielten: Wie haben Sie sich gefühlt?
Unzufrieden, denn ich war sicher, der Beste für den Job zu sein.

Woran denken Sie zuerst, wenn Sie das Wort „Fachkräftemangel“ hören?
An die Menschen, die mit hoher Qualifikation auch nach 200 Bewerbungen immer noch keinen Arbeitsplatz gefunden haben, weil sie mit 40 Jahren angeblich zu alt oder zu überqualifiziert sein sollen. Und daran, dass ein knappes Gut einen höheren Preis hat. Demzufolge müssten die Löhne in den Berufen mit angeblichem Fachkräftemangel schnell und deutlich steigen. Davon ist derzeit nichts zu merken. Altenpfleger und Altenpflegerinnen werden z.B. immer noch viel zu schlecht bezahlt. Selbiges gilt für Erzieherinnen und Erzieher. Und Erhöhungen sind nicht in Sicht.

Welche Pläne haben Sie und Ihre Partei bzgl. der Fachkräftesicherung in Deutschland und Ihrem Wahlkreis?
Engpässe einzelner Bereiche dürfen nicht verallgemeinert und zur Durchsetzung längeren Arbeitens benutzt werden. Anders als oft behauptet gibt es keinen allgemeinen Fachkräftemangel, sondern in einigen Berufsfeldern Fachkräfteengpässe.
Betroffen sind meist Berufe mit schlechten Arbeitsbedingungen und niedriger Entlohnung wie z.B. der Pflegebereich. Solche Berufe müssen aufgewertet, die Arbeitsbedingungen und Entlohnung verbessert werden.
Und ein Blick in meinen Wahlkreis Köln zeigt mir, dass natürlich die Wirtschaft die Fachkräfte, die sie braucht, auch ausbilden muss: Doch nach den jüngsten Zahlen des Arbeitsamtes entfallen „auf 100 noch suchende Bewerberinnen und Bewerber (unversorgte und Bewerber mit Alternative) 75 unbesetzte Stellen“. Konkret suchen in Köln „noch 1.733 junge Kölnerinnen und Kölner einen Ausbildungsplatz, zusätzlich haben bereits jetzt schon 699 eine Alternative gefunden, falls es nicht klappen sollte mit einer Lehrstelle, suchen aber noch weiter. Zugleich sind im Juli 1.825 Ausbildungsstellen unbesetzt.“ Grundsätzlich will DIE LINKE zur Korrektur dieses Missverhältnisses ein Recht auf Ausbildung gesetzlich garantieren und Unternehmen, die nicht ausbilden, zu einer Umlage verpflichten, mit der Unternehmen unterstützt werden, die ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung nachkommen. Zusätzlich brauchen wir gemeinsame Anstrengungen vor Ort, um auch ausbildungsbegleitend schulische Defizite abzubauen. Einen Modell dafür, das auch die Kölner LINKE unterstützt hat, bietet der kommunale Energieversorger Rheinenergie, von dem alle Beteiligten in der Region lernen können.
Außerdem gibt es ein millionenfach ungenutztes Erwerbspotenzial. Für Ältere, Menschen mit Behinderungen, Migranten und Frauen muss der Zugang zum Arbeitsmarkt verbessert werden. Nötig sind Barrierefreiheit, mehr Kinderbetreuung, alters- und alternsgerechte Arbeitsplätze, mehr Aus- und Weiterbildung sowie die bessere Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen.

Bisher bekommt die Mehrzahl der gut qualifizierten Bewerber Absagen. Das Potential guter Bewerber wird so für die Region und Branche verschwendet.
Die YOUNECT GmbH hat mit dem Talentpool eine Lösung entwickelt, mit der Empfehlungs-Recruiting ermöglicht wird: In regionalen oder branchenspezifischen Talentpools können sich Unternehmen, datenschutzrechtlich korrekt, gegenseitig 2.- und 3.-platzierte Bewerber empfehlen, die sie selbst nicht einstellen konnten.

Der Talentpool war 2012 Preisträger und nominierter Bundessieger bei „Land der Ideen“. Er wird bereits von 41 Regionen bzw. Branchen genutzt.
Was halten Sie generell davon, gute Bewerber zu empfehlen? Denken Sie, dass Empfehlungs-Recruiting mittels regionaler Talentpools zur Fachkräftesicherung beitragen kann? Können Sie sich vorstellen, dass Unternehmen Ihres Wahlkreises sich gegenseitig gute Bewerber empfehlen?

Das Thema Fachkräftemangel bedarf aus unserer Sicht einer seriösen Analyse. Denn ein flächendeckender Fachkräftemangel ist nicht zu erkennen. Lediglich in einigen technischen Berufsfeldern sowie im Gesundheits- und Pflegebereich sind Engpässe festzustellen. Prognosen besagen zudem, dass in der Gastronomiebranche und in Verkehrs-, Lager-, Transport, Sicherheits- und Wachberufen ein Fachkräftemangel droht. Auffällig ist, dass es sich hierbei zumeist um Berufe mit schlechten Arbeitsbedingungen und niedriger Entlohnung handelt. Talent-Pools als Instrument zur Fachkräftesicherung halten wir für nicht ausreichend. Im Zentrum der Bemühungen müssen stattdessen aus Sicht der LINKEN gute Arbeitsbedingungen, gute Löhne und mehr Qualifizierung stehen. Es ist zudem notwendig, bisher ungenutzte Erwerbspotenziale stärker in den Fokus zu nehmen. Das gilt für Ältere, Menschen mit Behinderungen, Migrantinnen und Migranten, aber auch Frauen. Hier gilt es, Hindernisse abzubauen, um den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verbessern. Stichworte sind: Barrierefreiheit, mehr und bessere Kinderbetreuung, alters- und alternsgerechte Arbeitsplätze sowie die bessere Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen.

Nennen Sie uns drei Argumente, warum man Sie im September wählen sollte?

  1. Wir LINKEN waren die ersten, die für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn entraten und wir werden nicht ruhen, bis er in einer Höhe von zehn bis zwölf Euro eingeführt sein wird.
  2. Wir streiten dafür, dass die Rente wieder den Lebensstandard sichert und für eine Solidarische Mindestrente, also dafür, dass niemand im Alter von weniger als 1050 Euro leben muss.
  3. Wir kämpfen dafür, dass Hartz IV durch eine sanktions- und repressionsfreie soziale Mindestsicherung ersetzt und sofort die Regelsätze auf 500 Euro angehoben werden – Gute Arbeit, gute Löhne, gute Rente, darum geht es der LINKEN und mir.

Vielen Dank für Ihre Antworten, Herr Birkwald.


Dieser Artikel ist Teil der Serie »Wahl 2013: Abgeordnete empfehlen«

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  52. Mdb Ulrich Kelber sagt: "Kurzsichtige Unternehmen" (27. August 2013)
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  57. MdB Horst Meierhofer sagt: "So unprofessionell" (26. August 2013)
  58. MdB Alexander Ulrich sagt: "Ächtung des Krieges" (23. August 2013)
  59. MdB Dr. Michael Meister sagt: "Nichts Verwerfliches" (23. August 2013)
  60. MdB Johannes Selle sagt: "App zur Astronomie" (22. August 2013)
  61. MdB Dirk Niebel sagt: "Krone richten. Weitermachen" (22. August 2013)
  62. MdB Susanne Kieckbusch sagt: "Ungebremst empfehlen" (21. August 2013)
  63. MdB Halina Wawzyniak sagt: "Zu wenig schlaue Frauen" (21. August 2013)
  64. MdB Kai Gehring sagt: "Ungewöhnliche Biografien" (21. August 2013)
  65. MdB Paul Schäfer sagt: "In Würde leben" (21. August 2013)
  66. MdB Dr. Tobias Lindner sagt: "Naja, wie man sich eben fühlt" (20. August 2013)
  67. MdB Stephan Kühn sagt: "Bröselnde Straßendecken" (20. August 2013)
  68. MdB Anette Kramme sagt: "Nicht durch Jammern" (19. August 2013)
  69. MdB Annette Groth sagt: "Im globalen Kasino weiterspielen" (19. August 2013)
  70. MdB Dr. Philipp Murmann sagt: "Kein Berufspolitiker" (19. August 2013)
  71. MdB Sabine Leidig sagt: "Mehr Chancen und weniger Aufwand" (16. August 2013)
  72. MdB Axel Knoerig sagt: "Lieber studieren als Banklehre" (16. August 2013)
  73. MdB Katja Keul sagt: "Das meine ich ernst" (15. August 2013)
  74. MdB Sören Bartol sagt: "Es sportlich sehen" (15. August 2013)
  75. MdB Dr. Petra Sitte sagt: "Kein klar fassbarer Endpunkt" (15. August 2013)
  76. MdB Thomas Gambke sagt: "Mehr als 30 Bewerbungen" (14. August 2013)
  77. MdB Dr. Dagmar Enkelmann sagt: "Bodenständiges Brandenburger Gewächs" (14. August 2013)
  78. MdB Dr. Stefan Ruppert sagt: "Zukunft nicht verbauen" (13. August 2013)
  79. MdB Wolfgang Bosbach sagt: "Fachkräftemangel? Mein 1. FC Köln" (13. August 2013)
  80. MdB Nicole Bracht-Bendt sagt: "Keine Frau auf dem Posten" (12. August 2013)
  81. MdB Rolf Koschorrek sagt: "Gute Idee" (9. August 2013)
  82. MdB Gerhard Schick sagt: "Geldwäsche der Mafia" (9. August 2013)
  83. MdB Willi Brase sagt: "Die Jugend ist unsere Zukunft" (8. August 2013)
  84. ... aus dem Büro des Abgeordneten (7. August 2013)